Marcs Coming Out Tagebuch
   


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    Die folgenden Webseiten werden im Tagebuch erwähnt:

  • Mattenjahre - Ein Coming Out Tagebuch
  • Nickstories
  • GayStation
     
  • Gewinnerstorys des Herzrasen-Schreibwettbewerbs


  • Impressum




       

    Mittwoch, 25. August 2004

    Coming Out Tagebuch - Einleitung

    Dieser ein wenig in Tagebuchform aufbereitete Text schildert meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle angefangen vom ersten prägenden und für den Weg zum Coming Out wichtigen Ereignis im Frühjahr 2001 bis heute. Ich habe das alles aufgeschrieben, weil ich es für mich selbst wichtig und interessant finde und nicht vergessen möchte. Da ich selbst ähnliche Texte anderer Leute teilweise regelrecht verschlungen habe, möchte ich meine Erfahrungen gerne über das Internet anderen zugänglich machen, für den Fall dass sich jemand dafür interessiert und es vielleicht auch beim eigenen Coming Out hilft.

    Den ersten Teil dieses Tagebuchs habe ich nachträglich aufgeschrieben, daher sind die Daten nur ungefähre Werte und die Texte nur eher sachliche Zusammenfassungen aus dem Gedächtnis. Ab August 2004 wird die Schilderung dann tageweise mit mehr Einzelheiten fortgesetzt und ab September 2004 fließen auch meine jeweiligen Gefühle und Gedanken mehr mit ein, da ich die Einträge täglich bzw. 1-2 Tage im Nachhinein schreibe, das also noch alles frisch ist.

    Die Namen in dieser veröffentlichten Fassung wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte Anderer größtenteils geändert.

    Kontakt: marc@rosa-panther.de


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    Donnerstag, 26. August 2004

    Coming Out Tagebuch - Vorgeschichte (Frühjahr 2001 bis August 2004)

    Frühjahr 2001

    Alles fing damit an, dass ich mit Andreas telefonierte, den ich über Diskussionen in Newsgroups kennengelernt hatte, und er mir erzählte, dass sich vier andere, aus dem Usenet bekannte (und ihm teilweise persönlich schon bekannte) Leute in Bielefeld treffen wollten. Da ich in einem Dorf in der Nähe von Osnabrück wohne, und man in 45-60 Minuten nach Bielefeld fahren kann, bot sich das an, mal ein paar Leute persönlich kennenzulernen, und so fragte ich per Mail nach, ob ich auch kommen dürfte.

    Schon im Vorhinein wurde dann vorgeschlagen, ins "Magnus" in Bielefeld zu gehen, ob ich damit ein Problem hätte. Wie ich von einer Arbeitskollegin, die in Bielefeld wohnt, erfuhr, handelt es sich dabei um eine schwul-lesbische Kneipe. Sie war aber auch schon dortgewesen und meinte, da könnte man beruhigt auch als Hetero hingehen.

    So kam es dann, dass ich am vereinbarten Termin nach Bielefeld fuhr. Wir trafen uns zuerst im Zimmer von Nils, der seinen Zivildienst bei Bethel ableistete und dort auch im Wohnheim ein Zimmer hatte. Nachdem alle da waren, fuhren wir dann ein Stück im Auto und gingen dann zu Fuß zum Magnus. Wir, das waren Nils (etwa so alt wie ich, 21 oder 22), sein Freund Markus (1-2 Jahre älter), Tobias (18 oder 19) und Thomas (wohl so um die 30).

    Im Magnus ergatterten wir den einzigen noch freien Tisch, und warum er noch frei war, merkten wir kurz danach: Es wurde dort die Lindenstraße auf einem Fernseher oder einer Leinwand direkt über unserem Tisch gezeigt. Da wir die eh nicht gucken wollten, war das für uns egal, nur dass halt quasi alle über uns auf die laufende Sendung schauten... Wir haben uns aber trotzdem in der Zeit weiter unterhalten.

    Im Laufe des Treffens (vor allem im Magnus als Szenekneipe) kam es natürlich auch zu Zärtlichkeiten zwischen Nils und Markus. Während wir anderen drei uns weiter unterhielten, lehnten die beiden sich schonmal aneinander, küssten sich etc. Das war das erste Mal, dass ich live und bei Jungen in meinem Alter homosexuelle Zärtlichkeit sah. Ich musste etwas grinsen bzw. lächeln darüber, aber später auf der Heimfahrt im Auto, als ich alleine über das Erlebte grübeln konnte, merkte ich, dass es einen starken Eindruck in mir hinterlassen hatte. Ich konnte das erst nicht so festmachen, aber es war eine Art beschwingtes Gefühl, eine sehr schöne Erinnerung, die mich nicht wieder loslassen wollte. Und ich merkte noch etwas anderes: Dass ich Nils eigentlich ganz süß gefunden hatte.

    Als ich Andreas von dem Treffen erzählte, sagte ich das so natürlich nicht, sondern meinte, dass die beiden super nett seien und es ein toller Abend gewesen wäre. Im Stillen fand ich das Pärchen aber noch besser als nur super nett. Zu dem Zeitpunkt hätte ich aber mit niemandem darüber reden können, ich musste mir erst einmal selbst über meine Gefühle klar werden.

    In den folgenden Wochen und Monaten lag ich viele Abende vor dem Einschlafen grübelnd im Bett und überlegte, ob ich schwul sein könnte. Ich legte mir Argumente zurecht, die dafür sprachen, und fand keine, die dagegen sprachen. Ich informierte mich im Internet über Coming Out und wie andere das bei sich entdeckt hatten. Ich beobachtete mich selbst und merkte, dass ich mir manche Teenieserien im Fernsehen hauptsächlich wegen der mitspielenden Jungs anschaute und die teilweise süß fand. Und dass mich Mädels in dieser Hinsicht eigentlich nicht interessierten.

    Trotz allem blieb der Gedanke "Bin ich wirklich schwul oder möchte ich es vielleicht nur sein, weil ich diese Begegnung mit Nils und Markus so toll fand"? Ich kam mehr und mehr zu dem Schluss, dass ich vermutlich schwul bin, aber wollte mir das noch offen halten und überlegte mir, dass ich einfach mal abwarte, bis ich mich in jemanden verliebe, und dann gucke, ob es Mädchen oder Junge ist. Dann gab es da auch noch die Dawsons Creek Folge, in der Jack plötzlich sagte, er sei schwul. Er hatte vorher aber mit Joey geschlafen oder das zumindest vorbereitet (ich habe die Folge nicht mehr so genau in Erinnerung). Ich weiß noch gut, dass ich mir dachte "wie kann er sagen, dass er schwul ist, wenn es da keinen Freund gibt, den er liebt, und sogar was mit einem Mädel hatte". Ersteres kann ich aus heutiger Sicht (geschrieben im September 2004) besser nachvollziehen, letzteres werde ich wohl nie verstehen können, da es in meinem Leben nie eine Freundin gab.

    Irgendwann 2001 oder 2002

    Ich hatte die Seite www.gaystation.de entdeckt, kannte den Betreiber (Nickname "Keks") auch aus dem Usenet, und fragte ihn per Mail unter Schilderung meiner Gedanken und Gefühle, ob ich schwul sein könnte. Nach längerer Zeit fragte ich nochmal nach, weil er nicht geantwortet hatte, und er meinte, er hätte sehr viele solcher Mails zu beantworten, würde mir gerne ausführlich antworten, und das könnte noch Monate dauern. Spätere Nachfragen bis ins Jahr 2003 hinein führten immer wieder zu ähnlichen Aussagen.

    Januar 2003

    Meine Ausbildung zum Fachinformatiker endete (nach wegen guter Leistungen um ein halbes Jahr vorgezogener Prüfung). Ich wurde zunächst befristet bis Ende 2003 weiter beschäftigt, aber das mir bekannt war, dass die finanzielle Lage der Firma nicht so gut war (daher auch die befristete Anstellung), hatte ich schon den Gedanken gefasst, zum Wintersemester dann ein Studium der Technischen Informatik an der FH Osnabrück anzufangen. Ich hatte die Zusage, dass mein Vertrag dann im September in einen Studentenvertrag umgewandelt werden könne und ich als Student wohl auch problemlos über das Jahresende hinaus weiterbeschäftigt werden könne (400 Euro Basis).

    September 2003

    Ich hatte mich also um den Studienplatz beworben und war angenommen worden (wegen Wartesemester durch Zivildienst/Ausbildung; mein Abischnitt war leider nicht so gut). Mitte September startete eine Studienvorbereitungswoche für Erstsemester. Programm: Viel Mathe zur Wiederholung (ich war ja auch schon eine Weile aus der Schule raus, war zu dem Zeitpunkt 23 Jahre alt) und (das interessierte mich mehr) Informationsveranstaltungen zum Studiumsorganisation, Führungen durch die FH, Einführung in die Bibliothek etc. An manchen Veranstaltungen (z.B. "Studieren im Ausland") habe ich nicht teilgenommen.

    Olaf, ein Mitschüler aus der Berufsschule, wollte das selbe Fach studieren, musste aber noch arbeiten und konnte an der Vorbereitungswoche nicht teilnehmen. Also kam ich da allein hin und kannte erst einmal niemanden. Ein Teil des Programms sah jeden Tag gleich aus: Es begann morgens mit Mathe-Vorlesungen, und Mittags/Nachmittags schlossen sich Tutorien an, in denen Mathe-Übungsaufgaben gerechnet wurden, aber auch von den Tutoren (Studenten aus höheren Semestern) Fragen beantwortet und Interessantes erzählt wurde. Ich setzte mich eigentlich immer an dieselben Plätze, und ab dem zweiten Tag hatte ich auch immer den selben Kommilitonen neben mir sitzen (er hieß Ulf), mit dem ich ins Gespräch kam und dann auch die Aufgaben im Tutorium zusammen rechnete. In der Mitte der Woche fragte ich ihn dann auch einfach mal nach seiner Mailadresse und Handynummer, für den Fall, dass man mal irgendwas verabreden wollte oder Hilfe bei den Aufgaben brauchte (teilweise war auch zuhause noch was zu rechnen). Wir schrieben uns dann auch einige Mails hin und her, und ich merkte plötzlich, dass ich tierische Herzklopfen bekam, wenn ich eine Mail von ihm bekam, und dass ich mich freute, in der FH mit ihm zusammenzusein. Ich deutete meine Gefühle und Reaktionen mit der Zeit zurecht so, dass ich mich wohl in ihn etwas verliebt hatte, und damit verdichteten sich auch die Zeichen, dass ich wohl schwul sei.

    Nun musste ich natürlich zuerst einmal herausfinden, ob er schwul ist oder nicht. Ich bin nicht der Typ, der solche Gefühle ewig für sich behalten kann, denn ich hätte dann die Angst, dass er vielleicht genauso empfindet und wir uns nie gegenseitig offenbaren... Also fragte ich per Mail wiederum bei "Keks" nach, der mir immer noch nicht auf meine nun schon zwei Jahre zurückliegende Mail geantwortet hatte, und meinte, dass es nun wohl ziemlich sicher sei, dass ich schwul sei, und wie ich denn das bei ihm herausfinde. Ob ich fragen sollte, ob er ne Freundin hat - und was wenn er einfach "nein" sagt? Okay, so richtig helfen konnte mir Keks auch nicht, nur insofern, dass ich nicht scherzhaft "oder nen Freund?" fragen soll, sondern ernsthaft, damit er sich nicht veralbert fühlt und deswegen die Unwahrheit sagt.

    Es war aber schwierig, in der FH mit Ulf mal allein zu sein, bzw. wenn dann war es der Weg zum Parkplatz, und er erzählte andere Dinge, so dass es schwierig war, das Thema entsprechend auf so etwas zu lenken. Nachdem wir in der ersten oder zweiten Studienwoche unsere Zugänge für das EDV-Schulungszentrum der FH erhalten hatten, konnten wir uns da auch von zuhause auf den Unix-Maschinen einloggen. Ich zeigte Ulf dann Befehle, mit denen wir quasi chatten konnten, wenn wir beide auf demselben Rechner eingeloggt waren, und so einen Chat nutzte ich dann, um mal vorsichtig das heikle Thema anzuschneiden. Zuerst schrieb ich ihm, dass mir aufgefallen war, dass er häufig sowas wie "diese schwule Matheaufgabe" sagte, und fragte, ob er was gegen Schwule hätte. Das verneinte er und schrieb zurück, er würde mehrere Schwule kennen, das sei kein Problem für ihn. Ich weiß nicht, ob ich noch was schrieb, oder ob er dann gleich fragte: "Hast Du Gefühle für andere Männer?". Nun schrieb ich, dass das wohl der Fall sei, und meinte auch vorsichtig, dass da für ihn auch wohl Gefühle seien.

    Zu diesem Zeitpunkt muss mein Herz zum Zerbersten geklopft haben. Ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Meine schlimmsten Befürchtungen: er könnte sich von mir angeekelt abkehren, nichts mehr mit mir zutun haben wollen. Oder gar anderen davon erzählen.

    Aber er reagierte sehr positiv: Er sei zwar 100% hetero, aber er hätte kein Problem mit meinen Gefühlen für ihn.

    Es änderte sich dann auch absolut nichts an unserem Verhalten einander gegenüber, nur dass er mich, als wir mal allein waren, nochmal auf meine "Neigungen" (so drückt er sich immer gerne aus...) ansprach und wielange ich das schon wüsste und so.

    November 2003

    Das Studium ging nun erstmal seinen normalen Lauf und ich war nur am Überlegen, ob ich anderen davon erzählen sollte. Ulf zog im November mit anderen Kommilitonen in einer WG in Osnabrück zusammen. Stefan, einer von den beiden studierte auch mit uns technische Informatik, und wir redeten häufig miteinander, und ich schaute mir deren WG mal beim Renovieren und Einziehen an. Als ich einmal mit Stefan zum Auto ging, um mit ihm zu der Wohnung zu fahren, begegneten wir noch in der FH auf der Treppe einem Mädel, und Stefan sagte was über die, ich hatte aber überhaupt nichts mitbekommen. Da mokierte er sich darüber, und meinte, ich hätte wohl immer nur Computer im Kopf und mit was für einem Problem ich gerade beschäftigt wieder beschäftigt gewesen wäre. Ich war nahe daran, mich in dem Moment bei ihm zu Outen, aber habe es dann doch nicht gewagt.

    Als ich Ulf später davon erzählte, meinte er, er würde es Stefan nicht sagen, aber ich müsste das natürlich selbst wissen. Warum er es nicht tun würde, konnte er auch nicht sagen. Aber es war schon bei Stefan auch die Angst, dass er es (wenn auch aus Versehen) weitererzählen könnte bzw. mich unüberlegt im Beisein von anderen darauf ansprechen könnte. Daher habe ich es dann doch erstmal gelassen.

    Dezember 2003

    Über Weihnachten und Neujahr war Vorlesungsfrei. Ich begann für die im Januar anstehenden Klausuren zu lernen. Hin und wieder schrieb ich mir Mails mit Ulf, und Ulf und Stefan riefen mich unabhängig voneinander an Sylvester nachts an, allerdings schon ziemlich betrunken. Zumindest Ulf wusste davon nachher nichts mehr.

    Wie ich so zuhause an langen Winterabenden über meinen Unterlagen hockte und lernte, merkte ich, dass ich Ulf ziemlich vermisste. Und mir wurde auch klar, dass ich mir Nähe und Zärtlichkeit von ihm wünschte, die ich aber nie bekommen könnte. Vielleicht war es ganz gut, dass er keine Freundin hätte, sonst wär ich noch eifersüchtig geworden...

    Januar 2004

    Im Januar gab es dann noch eine Vorlesungswoche, und mir wurde auch da bewusst, wie gut es mir tat, im Hörsaal dann wieder neben ihm zu sitzen, wenn ich ihn auch nicht berühren konnte, aber man sitzt schon relativ dicht nebeneinander da.

    So um den 12. Januar herum waren dann die Vorlesungen endgültig vorbei, es folgen bis Ende Januar Klausuren und dann standen bis Ende Februar Semesterferien an.

    Ich saß nun hauptsächlich zuhause am Lernen, und merkte immer mehr meinen Liebeskummer. Wie sehr ich doch in Ulf verschossen war, und wie mir klarwurde, dass er mir nie das geben könnte, was ich gerne hätte. An Abenden, wenn ich lernen musste und eigentlich nicht wollte, wurde das am Schlimmsten, vor allem dann, wenn Ulf nicht zum Chatten online war, sondern mit Kumpels irgendwas unternahm.

    Ich begann nun mit verschiedenen Kompensationsmethoden. Zum Einen wälzte ich Kontaktanzeigen im Internet und setzte mich mit Nico aus einem Nachbarort auf dem halben Weg zwischen hier und Osnabrück in Verbindung. Beim Treffen merkte ich sofort, dass er nichts für mich war, aber wir haben uns nett unterhalten und er hatte auch vor, eine Gruppe für Schwule zu gründen. Ich wollte andere kennenlernen und so vielleicht einen Freund finden. Von den bestehenden Gruppen und Organisationen riet er mir mehr oder weniger ab.

    Zum anderen erzählte ich Bernd, einem ehemaligen Arbeitskollegen, von dem ich wusste, dass er schwul ist und mit Sven, seinem Freund, zusammenlebt, davon, dass ich wohl schwul sei. Er fragte gleich in wen ich mich verliebt habe (war ihm wohl klar, dass das der Fall sein müsste) und bot mir dann an, dass wir uns mal treffen und unterhalten.

    Das war ein sehr netter Abend mit Bernd und Sven. Zu dem Zeitpunkt ging es mir immer noch so, dass ich zwar verliebt war, aber doch irgendwie nicht so richtig für mich akzeptiert hatte, schwul zu sein. Die 100%ige Sicherheit fehlte dann doch irgendwie noch. Bernd und Sven gaben mir aber einen Coming Out Roman mit, und als ich den las, und ich das alles so gut nachvollziehen konnte, und zum Ersten mal bei Schilderungen von sexuellen Handlungen nicht angeekelt war, sondern selbst erregt wurde (eben weil es in diesem Fall zwei Jungs waren...), habe ich dann diese endgültige Gewissheit doch endlich erlangt.

    Nun hatte ich so ein Buch zuhause, habe im Internet über Homosexualität gelesen, und immer waren meine Eltern um mich herum. Außerdem musste ich über meine Gefühle sprechen, und so entschloss ich mich zum Coming Out weiteren Personen gegenüber. Zunächst eines einsamen Abends Olaf, den ich ja schon seit der Berufsschule kannte und dachte, dass ich ihm problemlos davon erzählen könnte. Er war in ICQ online, und ich fragte also, wie man am besten mit Liebeskummer umgeht, ob er da Erfahrungen habe (ich wusste, dass er eine Freundin hatte und auch vorher schon andere hatte. Außerdem war er noch ein Jahr älter als ich). Und ich schrieb ihm dann auch, dass ich mich wohl in Ulf verliebt hätte, und gleich dazu "nicht lachen!". Seine Antwort war dann, dass er bestimmt nicht darüber lachen würde, und wir haben noch sehr nett bis weit nach 3 Uhr nachts gechattet. Es hatte mir auf jeden Fall etwas geholfen, darüber reden zu können.

    Am nächsten oder übernächsten Tag folgten dann meine Eltern. Ich wollte es beiden zusammen erzählen, weil ich bei meiner Mutter etwas Angst hätte, sie könne das vielleicht nicht akzeptieren/verstehen, während ich bei meinem Vater sicher war, dass er kein Problem damit hätte. Da war also die Hoffnung, dass er mich dann ihr gegenüber unterstützen könnte. Die beste Möglichkeit, beide zusammen zu erwischen ohne zu stören (sonst sitzen sie dann beim Fernsehen oder so, das ist auch ätzend) war beim Mittagessen. Erst versuchte ich es an einem Samstag, da waren aber nur andere Themen und ich kam nicht so recht damit zu Wort. Am folgenden Sonntag dann klappte es. Meine Eröffnung, ich müsse mal über was mit den beiden reden, verschaffte mir schon die nötige Aufmerksamkeit, und auf meine Eröffnung, dass ich denke, dass ich schwul sei, kam dann von meiner Mutter ein völlig unerwartete Reaktion: ein "Ach" in einem Tonfall, der sich nach "das ist doch nun absolut unwichtig" anhörte. Im weiteren Gespräch erfuhr ich dann aber, dass sie es etwas anders meinte: Sie habe selbst, als die so etwa 16 war, mal eine Freundin geliebt, und das sei normal und nur eine Phase.

    Ich wies aber darauf hin, dass ich schon 24 sei, das schon ein paar Jahre von mir glaubte, und jetzt auch verliebt sei und Liebeskummer habe. Das konnten meine Eltern dann aber irgendwie nicht so recht ernst nehmen. Also das waren sicher nicht die Gesprächspartner, die ich brauchte! Aber ich erzählte trotzdem unter Tränen von meinen Gefühlen und so langsam wurden sie doch stiller und bedenklicher. In den nächsten Wochen merkte ich, dass meine Mutter immer ziemlich still wurde wenn ich das Thema ansprach. Ich mochte ihr schon nichts mehr dazu erzählen, weil ich merkte, dass sie sich sehr schwer damit tat und nichts so recht dazu sagte und berührt wegguckte, so als ob man über was unangenehmes redete.

    Sie hatte natürlich auch die typischen Elternsorgen, wegen Aids und so, wie ich später erfuhr. Und sie konnte sich auch einfach nicht so recht ein Bild davon machen, was es heißt, schwul zu sein, weil sie genauso wie ich vorher noch nie damit in Berührung gekommen war. Wäre sie aufgeklärter und offener gewesen, hätte ich da ja vielleicht auch mal eher was von mitgekriegt und meine Gefühle besser erkennen können. So aber bin ich ziemlich konservativ aufgewachsen, in der Schule wurde das Thema nicht behandelt, und ich interessierte mich auch eigenlich nie für irgendwelche Jugendzeitschriften, in denn Aufklärung betrieben wurde, so dass ich ein völlig falschens Bild von Homosexualität hatte (und meine Mutter wohl auch). Ich erkannte, dass ich schon lange Jahre Jungs interessiert angeguckt hatte, aber ich hatte das nie offen für mich zu gelassen, mein Unterbewusstsein hat so etwas schon im Keim erstickt, nach dem Motto "das ist nicht richtig, das darf man nicht".

    Ein paar Tage nach dem Coming Out den Eltern gegenüber erzählte ich es dann auch meiner Schwester. Das ging ganz einfach - sie wohnt in einer anderen Stadt und wir telefonieren häufiger mal - indem ich nur fragte "Kannst Du Dir vorstellen, dass ich schwul bin?". Sie wusste nicht so recht, meinte sie würde sowas eh nie merken. Und so erzählte ich dann halt meine Erlebnisse, auch wie unsere Eltern reagiert hatten. Das ist immer gut unter Geschwistern, sich über die Eltern lustig zu machen oder zu lästern.

    Meinem Bruder (lebt mit Frau und Kind in München) haben meine Eltern es ein paar Wochen oder Monate später mal erzählt, als sie dort waren. Interessierte ihn aber nicht sonderlich, er hat mich seitdem auch nicht einmal drauf angesprochen, obwohl wir ein oder zweimal telefoniert haben.

    In der Verwandschaft und sonst hier im Ort habe ich nichts verlauten lassen, und auch meine Eltern und Geschwister nicht. Das würde sich hier schnell rumsprechen, und da ich in der kath. Kirchengemeinde als Organist aktiv bin, wäre mir das unangenehm gewesen.

    Februar 2004

    Ich hatte noch eine andere Kontaktanzeige gefunden, ein Tom aus Wallenhorst (auch ein Ort hier in der Nähe). Nico meinte, der würde es nie zu einem Treffen kommen lassen, er hätte es schon ein paarmal versucht. Im letzten Moment müsste Tom dann arbeiten oder sonstwas. Trotzdem hat es bei mir geklappt, und ich fand Tom sehr nett und auch eigentlich ganz süß. Als ich dann aber versuchte, ihn in den nächsten Tagen anzurufen, um ein nächstes Treffen zu vereinbaren, lehnte er die Anrufe immer ab oder hatte das Handy aus. Irgendwann schickte er mir dann eine SMS, dass ich zwar ganz nett sei, aber nicht sein Typ und ihn bitte in Ruhe lassen sollte. Er war leider zu feige gewesen, mir das direkt zu sagen, sondern hatte an dem Abend so geklungen, als ob er sich gerne mit mir wiedertreffen würde.

    Mitte Februar ging ich dann mit Sven, Bernd und Nico in den Film "Was nützt die Liebe in Gedanken". Nicht nur dass August Diehl und Daniel Brühl sehr süß sind, ging es in dem Film auch um Bi- und Homosexualität, wenn auch mit bitterem Ausgang (Selbstmord bzw. Mord der meisten Hauptpersonen).

    Dann hatte ich auch noch mal Ulf besucht, und insgeheim gehofft, ihn vielleicht irgendwie umarmen zu können oder mich an ihn lehnen zu können... außerdem wollte ich über meine Gefühle sprechen. Leider wurde ich da ziemlich enttäuscht. Sobald ich das Thema ansprach, wechselte er schnell das Thema, auch wenn er nachher behauptete, das sei ihm garnicht bewusst gewesen. Und irgendwelchen Körperkontakt wollte er auch nicht. Zudem musste er nach etwas über einer Stunde plötzlich wohin und einen Computer einrichten. Dafür war ich extra zu ihm gefahren... ich komme mir im Nachhinein ziemlich albern vor, aber ich hatte es damals echt nötig, ihn zu sehen, und kann auch verstehen, dass ihm die ganze Situation vielleicht etwas unangenehm war.

    März 2004

    Im März ging dann endlich das Studium wieder los und ich sah ihn und die ganzen anderen netten Kommilitonen wieder. Außerdem wollten Nico und ich nun unsere Gruppe ("Rosa Panther - Stammtisch für schwule und bisexuelle Osnabrücker") gründen. Ich hängte Plakete an den schwarzen Brettern in Uni und FH aus und schrieb auch anonym in unser Studentenforum im Internet. Da aber die Domain rosa-panther.de auf meinen Namen registriert war, musste ich damit rechnen, dass jemand rauskriegt, dass ich dahinter stecke und mich darauf anspricht. Eigentlich fand ich das aber sogar ganz lustig und hoffte dann schon, dass es jemand rauskriegt. Über die Reaktionen war ich sowieso gespannt.

    Eines Morgens vor der Physikvorlesung dann sprach mich ein Kommilitone auf das Posting im Forum an. Ob ich das unter anderer Identität gewesen sei? Ich sagte dann so ungefähr "ja, wie haste das rausgekriegt?" Er grinste und meinte, ob ich das nicht mal löschen wolle, oder ein Forum "Kontaktanzeigen" aufmachen wollte. Ich musste dann kurz mit einem anderen sprechen, der nach mir rief, und ging dann zu ihm zurück. Fragte noch einmal wie er das rausgekriegt hätte, ob er gesehen hätte, dass die Domain auf meinen Namen angemeldet sei. Da schaute er mich erst verständnislos an und meinte dann "was, Du warst das WIRKLICH?"

    Die Vorlesung begann dann. Wie ich später erfuhr, war er dann bzw. danach erstmal zu ein paar anderen gegangen und hatte gesagt "oh je, ich bin da gerade in ein Fettnäpchen getreten" und die Geschichte brühwarm erzählt. Naja, was besseres konnte mir eigentlich kaum passieren: so hatte ich mich eher unabsichtlich geoutet und konnte darauf spekulieren, dass sich das schon von selbst rumsprechen würde, ohne dass ich es sonst noch groß jemandem sagen müsste.

    Beim Mittagessen in der Mensa am selben Tag sprach mich dann noch jemand auf das Schwulentreffen an, weil er gedacht hätte, ich würde davon erzählen (war aber nicht der Fall gewesen). Er meinte dann noch so "ich wüsste ja echt gerne, wer das ist". Als ich antwortete, ich wüsste wohl, wer das sei, ließ er keine Ruhe bis ich es ihm sagte: "er geht gerade hinter Dir" (wir gingen gerade mit unseren Tabletts zum Ausgang). Er drehte sich um, guckte mich erschreckt an, zuckte ein wenig zurück. Auf mein "ich tu Dir schon nichts" meinte er "da hab ich auch keine Angst vor", und damit war das Thema dann auch erledigt.

    Bei den ersten Rosa Panther Treffen kam natürlich außer Nico und mir keiner. Er meinte, man müsse langen Atem haben.

    Ich hatte auch an das AStA-Schwulenreferat der Uni Osnabrück geschrieben, ob sie in der Uni und in einer AStA-Zeitschrift für uns Werbung machen könnten. Ich konnte mich dann auch mal dazu aufraffen, zu einem Frühstück zu gehen, das die alle zwei Wochen veranstalten. Dort habe ich einige nette Leute kennengelernt, wenn auch keiner von denen Donnerstags Zeit hat, wegen Fußballtraining und so. Nun kenne ich aber auch Josef von der Aidshilfe Osnabrück, mit dem ich wegen Werbung / Flyer auslegen auch schon gemailt hatte.

    Von Bernd hatte ich mich dazu überreden lassen, die Gay in May Webseite (http://www.gayinmay.de) zu übernehmen. Früher hatte er das gemacht, und dann an Dee übergeben, die zwar Designerin ist, aber vom Internet keine Ahnung hat und damit überfordert war. Ich habe mich einmal mit Dee getroffen und sie hat mir dann Bilder, Designvorlagen und Texte zukommen lassen, so dass ich die Webseite für die diesjährigen Veranstaltungen fertig machen konnte.

    31. März 2004

    Am 1.4. hat Ulf Geburtstag. Wir hatten uns am Vorabend zum Doppelkopfspielen getroffen, dabei war außer Olaf noch Julian, dem wir das glaube ich an dem Abend oder eine Woche vorher beigebracht hatten. Wir spielten dann bis nach Mitternacht, um dann noch gratulieren zu können. Den Abend über kamen wir mehrmals auf etwas schlüpfrige Themen, ich hielt mich aber noch zurück (wusste nicht, ob Julian schon was vom Outing gehört hatte). Irgendwann fragte er dann in der Runde, wer ne Freundin hätte und klagte, dass er keine habe. Als die Runde an mich kam, sagte ich dann "nein, keine Freundin, aber muss auch nicht sein, ich hätte da eher gerne was anderes" oder so ähnlich. Seine Reaktion, recht unerwartet: "Also doch!". Es stellte sich dann heraus, dass er natürlich schon von dem "Fettnäpfchen" des Kommilitonen gehört hatte, aber es von mir aus erster Hand hatte erfahren wollen. Er hatte wohl auch den ganzen Abend schon Andeutungen gemacht, um mich aus der Reserve zu locken, was ich aber garnicht so geschnallt hatte, dass er sowas von mir hören wollte. Wie gesagt, ich hatte mich ja eher zurückgehalten.

    April 2004

    Ich ging mit Ulf und ein paar anderen Kommilitonen zu einer FH-Party. War sehr cool, nun da ich geoutet war, haben wir die ganze Zeit Späße darüber gemacht, ich habe mich prächtig amüsiert. Es ist einfach toll, wenn man sich nicht verstecken muss, sondern offen darüber reden und scherzen kann, und über entsprechende Scherze/Frotzeleien anderer lachen kann, weil es Kumpel sind und man weiß, dass sie das nicht ernst meinen und das keine Beleidung sein soll.

    Wiederum bei einem Doppelkopfabend wollte ich mich dann eigentlich auch mal Stefan gegenüber outen, der immer noch nichts gemerkt hatte. Er sprach aber auf meine Bemerkungen einfach nicht an. Als er sagte, dass er gehört habe, ich würde jetzt mit Frauen flirten, meine ich "mit FRAUEN flirte ich bestimmt nicht", aber pustekuchen, er schnallte es einfach nicht.

    Am nachfolgenden Tag hatte Ulf ihn dann darauf angesprochen, ob ihm nichts aufgefallen sei, wie ich das gesagt hätte. Da soll er dann gefragt haben "ist Marc etwa schwul?" und das dann aber erst garnicht geglaubt haben.

    Ich habe mit Ulf vereinbart, Stefan nichts von meiner Liebe zu Ulf zu erzählen, weil ihm das nicht so recht sei, wenn der das wüsste.

    Im Internet hatte ich mich über Literatur für Eltern von homosexuellen Kindern informiert, weil meine Mutter sich immer noch merklich schwertat. Eine Broschüre des hessischen Sozialministeriums erschien mir ganz geeignet, die habe ich mir mal schicken lassen, selbst gelesen und dann meiner Mutter gegeben. Nachher haben wir uns noch ziemlich lange darüber unterhalten, und seitdem ist es etwas besser geworden. Ich konnte wohl doch einige Vorurteile und falschen Vorstellungen zerstreuen und sie beruhigen, dass ich sicher nicht der Typ bin, der mit dem Erstbesten Sex hat.

    Mai 2004

    Zu den Rosa Panther Treffen kamen weiterhin außer Nico und mir keine Besucher. Wenn Nico mal nicht konnte, hatte ich ein oder zwei Kommilitonen eingeladen, einmal kamen die auch, obwohl Nico doch konnte, und konnten ihn so kennenlernen. Er war aber nicht so deren Fall, er ist doch recht tuntig.

    Im Mai zog Nico dann aber nach Etteln bei Paderborn um und verlor zudem seine Arbeitsstelle in Osnabrück. Daher kam er erstmal nicht mehr zum Stammtisch.

    Ein anderer Kommilitone arbeitete in einer Tankstelle und wurde häufiger von Schwulen angesprochen, weil sie meinten, er flirte mit ihnen (er ist aber Hetero und das ist einfach so seine Art, recht extrovertiert und meist gut gelaunt). Eines Tages steckte ihm jemand seine Nummer zu "wenn Du mal Langeweile hast...". Er gab sie mir weiter und ich lud diesen einfach mal zum Stammtisch ein. Wir trafen uns auch einen Abend. Er ist zwar schon älter (Mitte/Ende 30 oder so), aber wir haben uns ganz nett unterhalten. Nur hat er so eine Art, dass man sich wie beim Psychiater vorkommt. Er analysiert einen die ganze Zeit.

    Bei einem der Frühstücke im Schwulenreferat lernte ich Paul aus Wallenhorst kennen. Er studiert an der Uni Osnabrück Physik, wie ich im zweiten Semester, und ist tierisch schüchtern. Aber er sah sehr nett aus, ich sprach ihm mal an (von sich aus sagte er nichts) und gab ihm nachher auch Mailadresse von Handynummer. Nachmittags schickte er mir gleich eine Mail, und hatte auch schon im Internet Informationen über mich herausgesucht, kannte also schon gemeinsame Interessen. Wir haben abends sehr nett gechattet. Ich lud ihn auch zum Stammtisch ein, um dort nicht allein zu sein, und er kam. Ich mochte ihn und hatte das Gefühl, ihm näherzukommen. Dummerweise kam dann die Tankstellenbekanntschaft meines Kommilitonen auch dazu (ich hatte ihn ja schließlich eingeladen) und fing wieder mit seiner Psychoanalyse an und wollte uns anscheinend miteinander verkuppeln. War schon etwas unangenehm.

    Wie der Name schon sagt, fand im Mai natürlich auch "Gay in May" statt. Über zwei Wochen verteilt gab es einige Veranstaltungen, von Filmvorführungen über Autorenlesungen und -ehrungen (Preisverleihung "Rosa Courage") hin zu Spielenachmittagen und der großen Abschlussgala. Ich hatte mit Bernd und Sven an einem Doppelkopfturnier teilgenommen, außerdem habe ich den "Queer Walk - Gang durch die Osnabrücker Szene", organisiert von der Aidshilfe, mitgemacht. Das war sehr interessant, zum einen habe ich ein paar Leute kennengelernt und natürlich auch ein paar Flyer für den Stammtisch verteilt, zum anderen habe ich alle Szenecafes und Kneipen kennengelernt sowie (wenn auch nicht mehr so lange) eine schwullesbische Party im Unicum besucht. Eigentlich wollte Paul mitkommen, aber er wurde dann kurzfristig krank. Ich habe ihm im Chat gestanden, dass ich wohl auch mehr für ihn empfinde und Interesse an ihm hätte. Er aber momentan nicht, er braucht mehr Zeit.

    Zur Gala kam er dann aber mit. Da er kein Geld hatte, habe ich ihm mit 10 EUR (Eintrittspreis 15 EUR) ausgeholfen. Leider war er recht schnell wieder verschwunden, weil er müde war. Bernd und Sven waren aber auch da, und einige, die ich vom Frühstück kannte, ich habe mich also ganz gut amüsiert. Nachts als ich ging, waren plötzlich ganz viele junge Leute (viele noch jünger als ich) unten im Foyer der Lagerhalle (ich war vorher eine Zeit oben im Cafe Spitzboden gewesen). Aber da ich ja Interesse an Paul hatte und hoffte, dass da was draus würde, habe ich mich nicht weiter umgesehen.

    Bevor ich ging, hatte ich allerdings im Vorbeigehen noch Tom aus Wallenhorst wiedergetroffen. Er sprach mich sogar selbst an. Wir haben uns kurz unterhalten, aber er ist schon ein bisschen komisch, und nach der Nummer im Februar wollte ich auch nicht mehr soviel mit ihm zutun haben. Er ist einfach eine feige Sau, der einem nicht ins Gesicht sagen kann, was er wirklich denkt, sondern was vorheuchelt.

    Über Himmelfahrt war Paul bei einem Freund in Köln, der sich von seinem Partner getrennt hatte. Paul hatte Interesse an einer Beziehung mit dem Kölner, und hoffte, dass sich da jetzt was ergeben könnte, wo der sich von seinem anderen Freund getrennt hatte.

    Als er wieder hier war, trafen wir uns einmal bei ihm zu Hause, ich brachte ihm Doppelkopf bei. Wir vereinbarten für ein paar Tage später einen Doppelkopfabend bei mir zuhause, mit Kommilitonen. Da noch jemand absagte, wären nur Paul und Ulf gekommen, meine Mutter wollte aber auch wohl mitspielen.

    Ca. zwei Stunden vor dem vereinbarten Termin schickte er mir dann eine Mail, dass er krank sei und eher nicht spielen wollte. Ich erreichte ihn dann auch nicht mehr telefonisch und blies das ganze ab. Am selben Abend noch sprach mich plötzlich eine Freundin von Paul über ICQ an und hielt mir vor, ich wäre zu aufdringlich und sollte ihn mal in Ruhe lassen. Ich verstand überhaupt nicht, was sie wollte, weil ich Paul nicht anders als andere Kommilitonen auch behandelt hatte. Er ist irgendwie etwas komisch, zieht sich manchmal tagelang zurück und fühlt sich dann bedrängt, wenn man versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Ich habe auf ihr Anraten dann erstmal nichts mehr versucht und gehofft, dass ich ihn mal beim Frühstück sehe oder er sich von sich aus meldet. Tat er aber nicht.

    Juni 2004

    Die Sommersemesterferien rückten näher, und es wuchs die Angst, wieder so einen Liebeskummer und so eine Einsamkeit wie im Winter zu erleben, weil ich die Kommilitonen so lange nicht sehe. Wie vereinbarten zwar, und immer mal zu treffen, Doppelkopf zu spielen und so, aber dazu kam es dann letztlich doch so gut wie garnicht, weil immer alle irgendwie anderweitig beschäftigt waren.

    Ich war aber über Ulf mittlerweile ganz gut hinweg, so dass ich immerhin keinen direkten Liebeskummer mehr hatte, nur so eine Art allgemeiner Sehnsucht nach einem Freund. Paul musste ich mir ja nun auch wohl aus dem Kopf schlagen.

    Eines Tages im Juni passierte etwas tolles: Nach länger brachliegendem Kontakt meldete sich Jan mal wieder per ICQ, jemand den ich aus einer ehemaligen Schule hier in der Gegend kannte und der weiter weg Informatik studierte. Wir hatten in den Jahren vorher hin und wieder, aber immer seltener, mal kurz gechattet, um uns gegenseitig zu informieren, was wir gerade so machen.

    Wir kamen dann allgemein auf Thema Schüchternheit und die typischen Informatikerklischees zu sprechen, wobei er dann meinte "aber Du bist bestimmt schon seit zwei Jahren verheiratet". Ich antwortete da so erstmal nicht direkt drauf, aber einen oder zwei Tage später sprach er mich erneut an, ich hätte noch nicht auf die Frage nach einer Freundin geantwortet. Nun dachte ich doch, dass es mal na der Zeit wäre, mich zu outen, und mir konnte auch nichts passieren, da er nicht hier in der Nähe wohnte und wir kaum Kontakt hatten. Und schon wieder so eine unerwartete Antwort: "Also doch". Das hatte ich doch schonmal von jemand anders gehört!

    Nun, er erklärte mir dann, dass er schon damals 1998 in der Schule gedacht hätte, ich habe genau den richtigen Grad an Schüchternheit und so einen verträumten Blick, um nicht 100%ig hetero zu sein. Er hatte sich nur nie getraut, mich darauf anzusprechen, weil er Angst hatte, dass ich das von mir weisen könnte. Nun musste ich natürlich auch erstmal wissen, wie es bei ihm ist: Er meinte, er könnte sich wohl am ehesten als bisexuell bezeichnen. Er legt sich da aber ungern auf einen Begriff fest.

    In den nächsten Wochen entwickelte sich ein lebhafter Chat zwischen uns beiden. Ich hatte wirklich das Gefühl, er würde mit mir flirten, und wir verstanden uns wunderbar. Wir erzählten uns Dinge, die wir sonst teilweise niemandem oder nur sehr ausgewählten Leuten erzählt hatten (z.B. eher ungewöhnliche Fetische). Er meinte, ich sollte ihn doch mal besuchen, wenn ich mal in der Nähe sei. Ich konnte ihm auch gleich einen Termin zusagen, weil meine Schwester, ihr Freund und ich Mitte Juli Karten für ein Konzert der Ten Tenors bei ihm in der Gegend hatten.

    Mit Nico habe ich mich im Juni teilweise etwas gezofft. Er kam nie mehr zum Stammtisch, teilweise hat er erst am selben Tag abgesagt, obwohl er wusste, dass ich auch keine Zeit hatte. So konnten wir keine Vertretung mehr besorgen und es war keiner dort... Dabei hatte Stefan zufällig zwei Schwule kennengelernt, die sich im Zug anlässlich eines Standes auf dem in Osnabrück stattfindenden Jugendhilfstag über das Thema Homosexualität unterhielten. Zumindest einer davon kam aus Osnabrück und wollte mal vorbeikommen. Keine Ahnung ob er da war, da ja Nico und ich beide nicht konnten.

    Nico wollte in Paderborn die Rosa Panther auch gründen, mit der Aidshilfe Paderborn zusammen. Ich setzte schonmal einen Hinweis auf die Homepage.

    Ende Juni traf ich auf dem Weg zu einer Elektrotechnik-Übungsstunde an der Uni zufällig auf Paul, der gerade mit dem Rad nach Hause fahren wollte. Er wusste garnicht genau, was die Freundin mir geschrieben hatte, er hatte ihr nur wohl einiges über mich und seine Empfindungen erzählt, und sie hatte das dann selbst in die Hand genommen. Ziemlich daneben alles. Wir sind so verblieben, dass er sich meldet, wenn er mal Lust hat, mit mir was zu unternehmen.

    Juli 2004

    Wegen des Besuchs hatte ich mit meiner Schwester vereinbart, dann bei ihr zu übernachten, und am nächsten Mittag wollte ich dann Jan besuchen und abends wieder zurückfahren. Einen Tag später stand für Jan und mich unabhängig voneinander der Aufbruch zu Treffen bestimmter Internet-Gruppierungen an, bei ihm war es so eine Art Mittelaltertreffen oder sowas, bei mir das spaßeshalbe "Jahrestagung deutschsprachiger Internetadministratoren" genannte nette Treffen von Jobkollegen aus dem deutschsprachigen Raum. Sonst hätte ich auch bei Jan übernachten können, aber das ging dann nicht, weil wir beide noch für den nächsten Tag packen mussten etc.

    Dadurch, dass wir quasi soviel geflirtet hatten, hatte ich natürlich schon diverse Erwartungen an Jan, die dann aber leider etwas enttäuscht wurden. Er eröffnete mir, dass er Probleme damit habe, Körperkontakt zu anderen zu haben, obwohl er eigentlich gerne kuschelt, aber dass er länger bräuchte, um sich da bei neuen Leuten zu öffnen. Und er hat auch zwei gute Freunde, mit denen teilweise auch mehr läuft. Zwar keine richtig feste Beziehung, sondern eher undefiniert, aber an mir hatte er dann halt doch nicht so das Interesse, das ich mir erhofft hatte. Dabei fand ich ihn ziemlich süß (ich hatte ihn ja sechs Jahre nicht gesehen, aber er war dann doch eigentlich genauso wie ich ihn erwartet hatte).

    Wir sind dann ein bisschen durch die Stadt gelaufen, er hat mir Musik vorgespielt, die er mir dann teilweise gebrannt hat, vor allem aus der amerikanischen Serie "Queer as Folk", auf die er mich vorher schon aufmerksam gemacht hatte und von der ich mir schon einige Folgen im Internet heruntergeladen und angesehen hatte.

    Alles in allem ein netter Nachmittag mit ihm, wenn auch meine Hoffnungen auf körperliche Nähe und vielleicht anfangende Liebe nicht erfüllt wurden. Okay, eine Fernbeziehung wäre schwierig gewesen, aber er hatte sich in Osnabrück für eine Doktorandenstelle beworben, so war also eine gewisse Hoffnung durchaus realistisch. Ein paar Wochen später bekam er aber eine Ablehnung aus Osnabrück, und seine weiteren Bewerbungen waren eher in seiner Gegend.

    Es folgte nun das Wochenende mit den ganzen Internetbekanntschaften, die ich aber größtenteils schon von den Treffen in den Vorjahren kannte. Ich war bei den meisten schon über einen Chat geoutet, und es kam dann am Samstagabend auch das Gespräch darauf und einer erzählte mir von einem schwulen Bekannten und dessen Problemen.

    Nach dem Wochenende im Chat erfuhr ich dann noch, dass zwei in meinem Alter (von denen ich den einen schon recht attraktiv finde) in einem Zweibettzimmer geschlafen hatten und rosa Bettwäsche gehabt hatten. Das sei schon aufregend, mit einem fremden Mann in einem Doppelbett mit rosa Bettwäsche zu schlafen. Ich konnte mir natürlich entsprechende Anmerkungen nicht verkneifen und meinte, schade dass ich zu spät gekommen sei, ich hätte mir gerne mit ihm das Bett geteilt. Er hätte da auch garnichts beigehabt, nur ist er halt hetero... war auf jeden Fall dann ein ganz guter Running Gag mit der rosa Bettwäsche.

    Ende Juli hatte eigentlich das erste Treffen der Rosa Panther in Paderborn stattfinden sollen. Wie ich dann anhand einer erbosten Mail von der Aidshilfe Paderborn erfuhr, war Nico dort nicht erschienen und auch nicht mehr erreichbar. Seine Handynummer und Mailadresse funktionierten schon ein paar Wochen nicht mehr, weshalb ich ihm das auch nichtmal weiterleiten konnte. Ich nahm dann auf Bitten der Aidshilfe Paderborn die Infos über den Stammtisch in Paderborn von der Webseite, da die unter anderem Namen was eigenes ohne Nico starten wollten. Ich habe Ende Juni auch nichts mehr von Nico gehört, aber auch nicht versucht, ihn irgendwie zu erreichen, weil er mich eh nur nervte und ewig nicht beim Stammtisch gewesen war. De facto stand ich also nun alleine mit den Rosa Panthern da.

    Paul habe ich hin und wieder im ICQ gesehen, aber er hat sich nie gemeldet. Da wir ja vereinbart hatten, dass er das wenn dann tut, habe ich auch nichts geschrieben. Schade eigentlich.

    August 2004

    Es ist nicht soviel passiert. Ich hatte Semesterferien, habe viel für die Firma von zuhause aus programmiert, war mal mit einem Kommilitonen im Freibad, einmal haben wir es tatsächlich geschafft, eine Doppelkopfrunde zusammenzubekommen, und ich habe immer mal wieder mit Jan gechattet. Jan hatte angekündigt, im September hier in der Gegend bei seinen Eltern zu sein und wollte mich dann auch wohl besuchen kommen. Traf sich gut, dass meine Eltern einen Tag nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub ihrerseits in Urlaub fahren wollten. Er hat mir auch mal geschrieben, er hätte wohl kein Problem, mit mir "Sachen anzustellen" oder so ähnlich, im Klartext also wohl Sex zu haben. Er warnte mich aber auch, dass das vielleicht nicht gut für mich wäre, weil ich mich verlieben könnte und er die Liebe vielleicht (oder wahrscheinlich) nicht erwidert. Nach ein bisschen Nachdenken und Gesprächen mit anderen über das Thema allgemein kam ich zu dem Schluss, dass ich Erfahrungen in der Richtung auf jeden Fall brauchen kann und mich darauf einlassen sollte, wenn es denn dazu kommt.

    Ich hatte dann irgendwann nochmal auf eine Kontaktanzeige geantwortet, ein 22jähriger Nico aus Hasbergen. Wir haben uns einen Abend in Osnabrück getroffen, er ist nicht so ganz mein Fall, wird aber wohl mal zum Stammtisch kommen, das ist schonmal gut. Er hatte selbst mal halbherzig versucht, eine Gruppe zu gründen, aber sich nicht besonders bemüht. Beim Rosa Panther Stammtisch gibt es ansonsten noch keine regelmäßigen Besucher, eigentlich immer nur auf besondere Einladung von mir, aber dann kommen sie normal nicht wieder.

    In derselben Woche, in der ich Nico getroffen hatte, war bei Bernd und Sven auch Jarek zu Gast, ein polnischer Lehrer, den sie vor ein paar Jahren mal kennengelernt hatten, als er auf einer Schulfahrt hier in der Gegend war. Wir sind einen Tag zusammen ins Kino gegangen, um uns Bullys Film "(T)Raumschiff Surprise" anzuschauen und haben hinterher noch im Kinocafe gegessen und uns unterhalten. Zum nächsten Stammtisch kamen die drei dann auch, so dass ich endlich mal größere Gesellschaft hatte. Nico hatte sich auch angekündigt, kam dann aber nicht. Ich habe mich mit Jarek nett unterhalten, und natürlich auch mit Bernd und Sven. Einen Tag später waren wir zusammen bei einer schwullesbischen Party im Unikeller, das war aber nicht so besonders, nur wenige Besucher und ziemlich in Lesbenhand. Ich habe mich mit Jarek wunderbar verstanden und wir uns haben einen Großteil des Abends unterhalten und uns unsere Geschichten erzählt. Hinterher gingen wir noch weiter ins Bivalent, eine Szenedisko in Osnabrück. Auch dort war aber nichts los. Gegen 3 Uhr fuhr ich dann nach Hause, die anderen sind noch etwas dageblieben. Ich hatte bald das Gefühl, Bernd und Sven wollten Jarek und mich verkuppeln, sie boten uns sogar deren Gästezimmer an... Aber Jarek hat einen Freund in Polen, und ich würde ihn ohnehin erst wieder ein Jahr später sehen. War sicher auch nicht ganz ernstgemeint und unter Alkoholeinfluss.

    Ich habe Jarek dann eine Woche später zu seinem 30. Geburtstag eine Mail geschrieben, und er hat sich sehr über meine Glückwünsche gefreut und geschrieben, wie gut es ihm gefiel mich kennenzulernen und sich mit mir zu unterhalten.

    Eine Woche nach dem Stammtisch mit Bernd, Sven und Jarek kamen zwei Gruppenleiter einer Coming-Out-Gruppe in Osnabrück, und brachten auch noch einen Freund mit. War ein schöner Abend mit interessanten Gesprächen. Die haben sich auch in mein Gästebuch eingetragen und etwas Werbung für die Gruppe gemacht.

    Ende des Monats bin ich dann alleine nach Langeoog in den Urlaub gefahren. Hier beginnt meine tägliche Berichterstattung (wenn auch für die ersten 10 Tage noch nachträglich aufgeschrieben).


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    Freitag, 27. August 2004

    Tagebucheintrag vom 27. August 2004

    Der letzte Arbeitstag vorm Urlaub. Ich chatte von der Arbeit aus mit Jan, er gibt mir das Coming Out Tagebuch http://www.mattenjahre.de zu lesen. Das ist super und macht süchtig. Habe angefangen zu lesen, später zuhause dann weiter.


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    Montag, 30. August 2004

    Tagebucheintrag vom 30. August 2004

    Ich fahre um 9:30 Uhr los nach Bensersiel. Um 13:30 Uhr dann mit der Fähre nach Langeoog. Dort erstmal ein Fahrrad geliehen, um die Reisetasche zur Wohnung zu transportieren. Später dann ein langes Stück am Strand gewandert und im Inselinneren zurück. Abends am Notebook Mattenjahre weitergelesen.


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    Dienstag, 31. August 2004

    Tagebucheintrag vom 31. August 2004

    Hauptsächlich mit dem Fahrrad gefahren. Wetter war wechselhaft. Um 16 Uhr war Gottesdienst mit dem Weltjugendtagskreuz in der kath. Inselkirche. Es waren auch einige Bekannte hier aus dem Ort mit dem Kreuz auf die Insel gepilgert, mit etwa 200 anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

    Irgendwo muss ich mir heute den rechten Fuß verstaucht haben. Schmerzen beim Laufen. Mist, das hatte ich letztes Jahr schon auf Juist, aber dieses Jahr ist mir nichtmal bewusst, wie das passiert ist.


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    August
    Mo Di Mi Do Fr Sa So
               
             


    2004
    Monate
    Aug




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    Tagebuch-Einleitung

    Vorgeschichte (Frühjahr 2001 bis August 2004)



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