Coming Out Tagebuch - Vorgeschichte (Frühjahr 2001 bis August 2004)
Frühjahr 2001
Alles fing damit an, dass ich mit Andreas telefonierte, den ich über
Diskussionen in Newsgroups kennengelernt hatte, und er mir erzählte,
dass sich vier andere, aus dem Usenet bekannte (und ihm teilweise
persönlich schon bekannte) Leute in Bielefeld treffen wollten. Da
ich in einem Dorf in der Nähe von Osnabrück wohne, und man in
45-60 Minuten nach Bielefeld fahren kann, bot sich das an, mal ein
paar Leute persönlich kennenzulernen, und so fragte ich per Mail
nach, ob ich auch kommen dürfte.
Schon im Vorhinein wurde dann vorgeschlagen, ins "Magnus" in
Bielefeld zu gehen, ob ich damit ein Problem hätte. Wie ich von einer
Arbeitskollegin, die in Bielefeld wohnt, erfuhr, handelt es sich
dabei um eine schwul-lesbische Kneipe. Sie war aber auch schon
dortgewesen und meinte, da könnte man beruhigt auch als Hetero
hingehen.
So kam es dann, dass ich am vereinbarten Termin nach Bielefeld
fuhr. Wir trafen uns zuerst im Zimmer von Nils, der seinen
Zivildienst bei Bethel ableistete und dort auch im Wohnheim ein
Zimmer hatte. Nachdem alle da waren, fuhren wir dann ein Stück im
Auto und gingen dann zu Fuß zum Magnus. Wir, das waren Nils
(etwa so alt wie ich, 21 oder 22), sein Freund Markus (1-2 Jahre
älter), Tobias (18 oder 19) und Thomas (wohl so um die 30).
Im Magnus ergatterten wir den einzigen noch freien Tisch, und
warum er noch frei war, merkten wir kurz danach: Es wurde dort
die Lindenstraße auf einem Fernseher oder einer Leinwand direkt
über unserem Tisch gezeigt. Da wir die eh nicht gucken wollten,
war das für uns egal, nur dass halt quasi alle über uns auf die
laufende Sendung schauten... Wir haben uns aber trotzdem in der
Zeit weiter unterhalten.
Im Laufe des Treffens (vor allem im Magnus als Szenekneipe) kam es
natürlich auch zu Zärtlichkeiten zwischen Nils und Markus.
Während wir anderen drei uns weiter unterhielten, lehnten die
beiden sich schonmal aneinander, küssten sich etc. Das war das
erste Mal, dass ich live und bei Jungen in meinem Alter homosexuelle
Zärtlichkeit sah. Ich musste etwas grinsen bzw. lächeln darüber,
aber später auf der Heimfahrt im Auto, als ich alleine über das
Erlebte grübeln konnte, merkte ich, dass es einen starken Eindruck
in mir hinterlassen hatte. Ich konnte das erst nicht so festmachen,
aber es war eine Art beschwingtes Gefühl, eine sehr schöne
Erinnerung, die mich nicht wieder loslassen wollte. Und ich merkte
noch etwas anderes: Dass ich Nils eigentlich ganz süß gefunden
hatte.
Als ich Andreas von dem Treffen erzählte, sagte ich das so natürlich
nicht, sondern meinte, dass die beiden super nett seien und es
ein toller Abend gewesen wäre. Im Stillen fand ich das Pärchen
aber noch besser als nur super nett. Zu dem Zeitpunkt hätte ich
aber mit niemandem darüber reden können, ich musste mir erst
einmal selbst über meine Gefühle klar werden.
In den folgenden Wochen und Monaten lag ich viele Abende vor dem
Einschlafen grübelnd im Bett und überlegte, ob ich schwul sein
könnte. Ich legte mir Argumente zurecht, die dafür sprachen, und
fand keine, die dagegen sprachen. Ich informierte mich im Internet
über Coming Out und wie andere das bei sich entdeckt hatten. Ich
beobachtete mich selbst und merkte, dass ich mir manche
Teenieserien im Fernsehen hauptsächlich wegen der mitspielenden
Jungs anschaute und die teilweise süß fand. Und dass mich Mädels
in dieser Hinsicht eigentlich nicht interessierten.
Trotz allem blieb der Gedanke "Bin ich wirklich schwul oder möchte
ich es vielleicht nur sein, weil ich diese Begegnung mit Nils
und Markus so toll fand"? Ich kam mehr und mehr zu dem Schluss,
dass ich vermutlich schwul bin, aber wollte mir das noch offen
halten und überlegte mir, dass ich einfach mal abwarte, bis ich
mich in jemanden verliebe, und dann gucke, ob es Mädchen oder Junge
ist. Dann gab es da auch noch die Dawsons Creek Folge, in der
Jack plötzlich sagte, er sei schwul. Er hatte vorher aber mit
Joey geschlafen oder das zumindest vorbereitet (ich habe die Folge
nicht mehr so genau in Erinnerung). Ich weiß noch gut, dass ich
mir dachte "wie kann er sagen, dass er schwul ist, wenn es da keinen
Freund gibt, den er liebt, und sogar was mit einem Mädel hatte".
Ersteres kann ich aus heutiger Sicht (geschrieben im September 2004)
besser nachvollziehen, letzteres werde ich wohl nie verstehen können,
da es in meinem Leben nie eine Freundin gab.
Irgendwann 2001 oder 2002
Ich hatte die Seite www.gaystation.de entdeckt, kannte den Betreiber
(Nickname "Keks") auch aus dem Usenet, und fragte ihn per Mail unter
Schilderung meiner Gedanken und Gefühle, ob ich schwul sein könnte.
Nach längerer Zeit fragte ich nochmal nach, weil er nicht geantwortet
hatte, und er meinte, er hätte sehr viele solcher Mails zu beantworten,
würde mir gerne ausführlich antworten, und das könnte noch Monate
dauern. Spätere Nachfragen bis ins Jahr 2003 hinein führten immer
wieder zu ähnlichen Aussagen.
Januar 2003
Meine Ausbildung zum Fachinformatiker endete (nach wegen guter Leistungen
um ein halbes Jahr vorgezogener Prüfung). Ich wurde zunächst befristet
bis Ende 2003 weiter beschäftigt, aber das mir bekannt war, dass die
finanzielle Lage der Firma nicht so gut war (daher auch die befristete
Anstellung), hatte ich schon den Gedanken gefasst, zum Wintersemester
dann ein Studium der Technischen Informatik an der FH Osnabrück anzufangen.
Ich hatte die Zusage, dass mein Vertrag dann im September in einen
Studentenvertrag umgewandelt werden könne und ich als Student wohl auch
problemlos über das Jahresende hinaus weiterbeschäftigt werden könne
(400 Euro Basis).
September 2003
Ich hatte mich also um den Studienplatz beworben und war angenommen
worden (wegen Wartesemester durch Zivildienst/Ausbildung; mein
Abischnitt war leider nicht so gut). Mitte September startete eine
Studienvorbereitungswoche für Erstsemester. Programm: Viel Mathe zur
Wiederholung (ich war ja auch schon eine Weile aus der Schule raus,
war zu dem Zeitpunkt 23 Jahre alt) und (das interessierte mich mehr)
Informationsveranstaltungen zum Studiumsorganisation, Führungen durch
die FH, Einführung in die Bibliothek etc. An manchen Veranstaltungen
(z.B. "Studieren im Ausland") habe ich nicht teilgenommen.
Olaf, ein Mitschüler aus der Berufsschule, wollte das selbe Fach
studieren, musste aber noch arbeiten und konnte an der Vorbereitungswoche
nicht teilnehmen. Also kam ich da allein hin und kannte erst einmal
niemanden. Ein Teil des Programms sah jeden Tag gleich aus: Es begann
morgens mit Mathe-Vorlesungen, und Mittags/Nachmittags schlossen sich
Tutorien an, in denen Mathe-Übungsaufgaben gerechnet wurden, aber auch
von den Tutoren (Studenten aus höheren Semestern) Fragen beantwortet
und Interessantes erzählt wurde. Ich setzte mich eigentlich immer an
dieselben Plätze, und ab dem zweiten Tag hatte ich auch immer den
selben Kommilitonen neben mir sitzen (er hieß Ulf), mit dem ich ins
Gespräch kam und dann auch die Aufgaben im Tutorium zusammen rechnete.
In der Mitte der Woche fragte ich ihn dann auch einfach mal nach seiner
Mailadresse und Handynummer, für den Fall, dass man mal irgendwas
verabreden wollte oder Hilfe bei den Aufgaben brauchte (teilweise war
auch zuhause noch was zu rechnen). Wir schrieben uns dann auch einige
Mails hin und her, und ich merkte plötzlich, dass ich tierische
Herzklopfen bekam, wenn ich eine Mail von ihm bekam, und dass ich
mich freute, in der FH mit ihm zusammenzusein. Ich deutete meine
Gefühle und Reaktionen mit der Zeit zurecht so, dass ich mich wohl in
ihn etwas verliebt hatte, und damit verdichteten sich auch die Zeichen,
dass ich wohl schwul sei.
Nun musste ich natürlich zuerst einmal herausfinden, ob er schwul ist
oder nicht. Ich bin nicht der Typ, der solche Gefühle ewig für sich
behalten kann, denn ich hätte dann die Angst, dass er vielleicht genauso
empfindet und wir uns nie gegenseitig offenbaren...
Also fragte ich per Mail wiederum bei "Keks" nach, der mir immer noch
nicht auf meine nun schon zwei Jahre zurückliegende Mail geantwortet
hatte, und meinte, dass es nun wohl ziemlich sicher sei, dass ich
schwul sei, und wie ich denn das bei ihm herausfinde. Ob ich fragen
sollte, ob er ne Freundin hat - und was wenn er einfach "nein" sagt?
Okay, so richtig helfen konnte mir Keks auch nicht, nur insofern, dass
ich nicht scherzhaft "oder nen Freund?" fragen soll, sondern ernsthaft,
damit er sich nicht veralbert fühlt und deswegen die Unwahrheit sagt.
Es war aber schwierig, in der FH mit Ulf mal allein zu sein, bzw.
wenn dann war es der Weg zum Parkplatz, und er erzählte andere Dinge,
so dass es schwierig war, das Thema entsprechend auf so etwas zu lenken.
Nachdem wir in der ersten oder zweiten Studienwoche unsere Zugänge für
das EDV-Schulungszentrum der FH erhalten hatten, konnten wir uns da
auch von zuhause auf den Unix-Maschinen einloggen. Ich zeigte Ulf
dann Befehle, mit denen wir quasi chatten konnten, wenn wir beide
auf demselben Rechner eingeloggt waren, und so einen Chat nutzte
ich dann, um mal vorsichtig das heikle Thema anzuschneiden. Zuerst
schrieb ich ihm, dass mir aufgefallen war, dass er häufig sowas wie
"diese schwule Matheaufgabe" sagte, und fragte, ob er was gegen Schwule
hätte. Das verneinte er und schrieb zurück, er würde mehrere Schwule
kennen, das sei kein Problem für ihn. Ich weiß nicht, ob ich noch
was schrieb, oder ob er dann gleich fragte: "Hast Du Gefühle für
andere Männer?". Nun schrieb ich, dass das wohl der Fall sei, und
meinte auch vorsichtig, dass da für ihn auch wohl Gefühle seien.
Zu diesem Zeitpunkt muss mein Herz zum Zerbersten geklopft haben.
Ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Meine schlimmsten Befürchtungen:
er könnte sich von mir angeekelt abkehren, nichts mehr mit mir zutun
haben wollen. Oder gar anderen davon erzählen.
Aber er reagierte sehr positiv: Er sei zwar 100% hetero, aber er
hätte kein Problem mit meinen Gefühlen für ihn.
Es änderte sich dann auch absolut nichts an unserem Verhalten
einander gegenüber, nur dass er mich, als wir mal allein waren,
nochmal auf meine "Neigungen" (so drückt er sich immer gerne aus...)
ansprach und wielange ich das schon wüsste und so.
November 2003
Das Studium ging nun erstmal seinen normalen Lauf und ich war nur
am Überlegen, ob ich anderen davon erzählen sollte. Ulf zog im
November mit anderen Kommilitonen in einer WG in Osnabrück
zusammen. Stefan, einer von den beiden studierte auch mit uns
technische Informatik, und wir redeten häufig miteinander, und ich
schaute mir deren WG mal beim Renovieren und Einziehen an. Als
ich einmal mit Stefan zum Auto ging, um mit ihm zu der Wohnung zu
fahren, begegneten wir noch in der FH auf der Treppe einem Mädel,
und Stefan sagte was über die, ich hatte aber überhaupt nichts
mitbekommen. Da mokierte er sich darüber, und meinte,
ich hätte wohl immer nur Computer im Kopf und mit was für einem
Problem ich gerade beschäftigt wieder beschäftigt gewesen wäre.
Ich war nahe daran, mich in dem Moment bei ihm zu Outen, aber
habe es dann doch nicht gewagt.
Als ich Ulf später davon erzählte, meinte er, er würde es Stefan
nicht sagen, aber ich müsste das natürlich selbst wissen. Warum
er es nicht tun würde, konnte er auch nicht sagen. Aber es war
schon bei Stefan auch die Angst, dass er es (wenn auch aus Versehen)
weitererzählen könnte bzw. mich unüberlegt im Beisein von anderen
darauf ansprechen könnte. Daher habe ich es dann doch erstmal
gelassen.
Dezember 2003
Über Weihnachten und Neujahr war Vorlesungsfrei. Ich begann
für die im Januar anstehenden Klausuren zu lernen. Hin und wieder
schrieb ich mir Mails mit Ulf, und Ulf und Stefan riefen mich
unabhängig voneinander an Sylvester nachts an, allerdings schon
ziemlich betrunken. Zumindest Ulf wusste davon nachher nichts
mehr.
Wie ich so zuhause an langen Winterabenden über meinen Unterlagen
hockte und lernte, merkte ich, dass ich Ulf ziemlich vermisste.
Und mir wurde auch klar, dass ich mir Nähe und Zärtlichkeit
von ihm wünschte, die ich aber nie bekommen könnte.
Vielleicht war es ganz gut, dass er keine Freundin hätte, sonst
wär ich noch eifersüchtig geworden...
Januar 2004
Im Januar gab es dann noch eine Vorlesungswoche, und mir wurde
auch da bewusst, wie gut es mir tat, im Hörsaal dann wieder
neben ihm zu sitzen, wenn ich ihn auch nicht berühren konnte,
aber man sitzt schon relativ dicht nebeneinander da.
So um den 12. Januar herum waren dann die Vorlesungen endgültig
vorbei, es folgen bis Ende Januar Klausuren und dann standen
bis Ende Februar Semesterferien an.
Ich saß nun hauptsächlich zuhause am Lernen, und merkte immer
mehr meinen Liebeskummer. Wie sehr ich doch in Ulf verschossen
war, und wie mir klarwurde, dass er mir nie das geben könnte,
was ich gerne hätte. An Abenden, wenn ich lernen musste und
eigentlich nicht wollte, wurde das am Schlimmsten, vor allem
dann, wenn Ulf nicht zum Chatten online war, sondern mit Kumpels
irgendwas unternahm.
Ich begann nun mit verschiedenen Kompensationsmethoden.
Zum Einen wälzte ich Kontaktanzeigen im Internet und setzte mich
mit Nico aus einem Nachbarort auf dem halben Weg zwischen hier
und Osnabrück in Verbindung. Beim Treffen merkte ich sofort, dass er
nichts für mich war, aber wir haben uns nett unterhalten und er
hatte auch vor, eine Gruppe für Schwule zu gründen. Ich wollte andere
kennenlernen und so vielleicht einen Freund finden. Von den
bestehenden Gruppen und Organisationen riet er mir mehr oder
weniger ab.
Zum anderen erzählte ich Bernd, einem ehemaligen Arbeitskollegen,
von dem ich wusste, dass er schwul ist und mit Sven, seinem Freund,
zusammenlebt, davon, dass ich wohl schwul sei. Er fragte gleich in
wen ich mich verliebt habe (war ihm wohl klar, dass das der Fall
sein müsste) und bot mir dann an, dass wir uns mal treffen und
unterhalten.
Das war ein sehr netter Abend mit Bernd und Sven. Zu dem
Zeitpunkt ging es mir immer noch so, dass ich zwar verliebt war,
aber doch irgendwie nicht so richtig für mich akzeptiert hatte,
schwul zu sein. Die 100%ige Sicherheit fehlte dann doch irgendwie
noch. Bernd und Sven gaben mir aber einen Coming Out Roman mit,
und als ich den las, und ich das alles so gut nachvollziehen konnte,
und zum Ersten mal bei Schilderungen von sexuellen Handlungen nicht
angeekelt war, sondern selbst erregt wurde (eben weil es in
diesem Fall zwei Jungs waren...), habe ich dann diese endgültige
Gewissheit doch endlich erlangt.
Nun hatte ich so ein Buch zuhause, habe im Internet über
Homosexualität gelesen, und immer waren meine Eltern um mich
herum. Außerdem musste ich über meine Gefühle sprechen, und so
entschloss ich mich zum Coming Out weiteren Personen gegenüber.
Zunächst eines einsamen Abends Olaf, den ich ja schon seit
der Berufsschule kannte und dachte, dass ich ihm problemlos davon
erzählen könnte. Er war in ICQ online, und ich fragte also, wie
man am besten mit Liebeskummer umgeht, ob er da Erfahrungen habe
(ich wusste, dass er eine Freundin hatte und auch vorher schon
andere hatte. Außerdem war er noch ein Jahr älter als ich). Und
ich schrieb ihm dann auch, dass ich mich wohl in Ulf verliebt hätte,
und gleich dazu "nicht lachen!". Seine Antwort war dann, dass er
bestimmt nicht darüber lachen würde, und wir haben noch sehr nett
bis weit nach 3 Uhr nachts gechattet. Es hatte mir auf jeden Fall
etwas geholfen, darüber reden zu können.
Am nächsten oder übernächsten Tag folgten dann meine Eltern.
Ich wollte es beiden zusammen erzählen, weil ich bei meiner
Mutter etwas Angst hätte, sie könne das vielleicht nicht
akzeptieren/verstehen, während ich bei meinem Vater sicher war,
dass er kein Problem damit hätte. Da war also die Hoffnung, dass
er mich dann ihr gegenüber unterstützen könnte. Die beste Möglichkeit,
beide zusammen zu erwischen ohne zu stören (sonst sitzen sie dann beim
Fernsehen oder so, das ist auch ätzend) war beim Mittagessen. Erst
versuchte ich es an einem Samstag, da waren aber nur andere Themen
und ich kam nicht so recht damit zu Wort. Am folgenden Sonntag dann
klappte es. Meine Eröffnung, ich müsse mal über was mit den beiden
reden, verschaffte mir schon die nötige Aufmerksamkeit, und auf
meine Eröffnung, dass ich denke, dass ich schwul sei, kam dann
von meiner Mutter ein völlig unerwartete Reaktion: ein "Ach"
in einem Tonfall, der sich nach "das ist doch nun absolut unwichtig"
anhörte. Im weiteren Gespräch erfuhr ich dann aber, dass sie es
etwas anders meinte: Sie habe selbst, als die so etwa 16 war,
mal eine Freundin geliebt, und das sei normal und nur eine Phase.
Ich wies aber darauf hin, dass ich schon 24 sei, das schon ein
paar Jahre von mir glaubte, und jetzt auch verliebt sei und
Liebeskummer habe. Das konnten meine Eltern dann aber irgendwie
nicht so recht ernst nehmen. Also das waren sicher nicht die
Gesprächspartner, die ich brauchte! Aber ich erzählte trotzdem
unter Tränen von meinen Gefühlen und so langsam wurden sie
doch stiller und bedenklicher. In den nächsten Wochen merkte
ich, dass meine Mutter immer ziemlich still wurde wenn ich
das Thema ansprach. Ich mochte ihr schon nichts mehr dazu
erzählen, weil ich merkte, dass sie sich sehr schwer damit tat
und nichts so recht dazu sagte und berührt wegguckte, so als
ob man über was unangenehmes redete.
Sie hatte natürlich auch die typischen Elternsorgen, wegen Aids
und so, wie ich später erfuhr. Und sie konnte sich auch einfach
nicht so recht ein Bild davon machen, was es heißt, schwul zu
sein, weil sie genauso wie ich vorher noch nie damit in Berührung
gekommen war. Wäre sie aufgeklärter und offener gewesen, hätte
ich da ja vielleicht auch mal eher was von mitgekriegt und meine
Gefühle besser erkennen können. So aber bin ich ziemlich
konservativ aufgewachsen, in der Schule wurde das Thema nicht
behandelt, und ich interessierte mich auch eigenlich nie für
irgendwelche Jugendzeitschriften, in denn Aufklärung betrieben
wurde, so dass ich ein völlig falschens Bild von Homosexualität
hatte (und meine Mutter wohl auch). Ich erkannte, dass ich schon
lange Jahre Jungs interessiert angeguckt hatte, aber ich hatte
das nie offen für mich zu gelassen, mein Unterbewusstsein hat
so etwas schon im Keim erstickt, nach dem Motto "das ist nicht
richtig, das darf man nicht".
Ein paar Tage nach dem Coming Out den Eltern gegenüber erzählte ich
es dann auch meiner Schwester. Das ging ganz einfach - sie wohnt in
einer anderen Stadt und wir telefonieren häufiger mal - indem ich nur
fragte "Kannst Du Dir vorstellen, dass ich schwul bin?". Sie wusste
nicht so recht, meinte sie würde sowas eh nie merken. Und so erzählte
ich dann halt meine Erlebnisse, auch wie unsere Eltern reagiert
hatten. Das ist immer gut unter Geschwistern, sich über die Eltern
lustig zu machen oder zu lästern.
Meinem Bruder (lebt mit Frau und Kind in München) haben meine
Eltern es ein paar Wochen oder Monate später mal erzählt, als sie
dort waren. Interessierte ihn aber nicht sonderlich, er hat mich
seitdem auch nicht einmal drauf angesprochen, obwohl wir ein oder
zweimal telefoniert haben.
In der Verwandschaft und sonst hier im Ort habe ich nichts
verlauten lassen, und auch meine Eltern und Geschwister nicht.
Das würde sich hier schnell rumsprechen, und da ich in der kath.
Kirchengemeinde als Organist aktiv bin, wäre mir das
unangenehm gewesen.
Februar 2004
Ich hatte noch eine andere Kontaktanzeige gefunden, ein Tom aus
Wallenhorst (auch ein Ort hier in der Nähe). Nico meinte, der
würde es nie zu einem Treffen kommen lassen, er hätte es schon
ein paarmal versucht. Im letzten Moment müsste Tom dann arbeiten
oder sonstwas. Trotzdem hat es bei mir geklappt, und ich fand Tom
sehr nett und auch eigentlich ganz süß. Als ich dann aber versuchte,
ihn in den nächsten Tagen anzurufen, um ein nächstes Treffen zu
vereinbaren, lehnte er die Anrufe immer ab oder hatte das Handy aus.
Irgendwann schickte er mir dann eine SMS, dass ich zwar ganz nett
sei, aber nicht sein Typ und ihn bitte in Ruhe lassen sollte.
Er war leider zu feige gewesen, mir das direkt zu sagen, sondern
hatte an dem Abend so geklungen, als ob er sich gerne mit mir
wiedertreffen würde.
Mitte Februar ging ich dann mit Sven, Bernd und Nico in
den Film "Was nützt die Liebe in Gedanken". Nicht nur dass
August Diehl und Daniel Brühl sehr süß sind, ging es in dem
Film auch um Bi- und Homosexualität, wenn auch mit bitterem
Ausgang (Selbstmord bzw. Mord der meisten Hauptpersonen).
Dann hatte ich auch noch mal Ulf besucht, und insgeheim gehofft,
ihn vielleicht irgendwie umarmen zu können oder mich an ihn
lehnen zu können... außerdem wollte ich über meine Gefühle
sprechen. Leider wurde ich da ziemlich enttäuscht. Sobald ich
das Thema ansprach, wechselte er schnell das Thema, auch wenn
er nachher behauptete, das sei ihm garnicht bewusst gewesen.
Und irgendwelchen Körperkontakt wollte er auch nicht. Zudem
musste er nach etwas über einer Stunde plötzlich wohin und einen
Computer einrichten. Dafür war ich extra zu ihm gefahren...
ich komme mir im Nachhinein ziemlich albern vor, aber ich hatte
es damals echt nötig, ihn zu sehen, und kann auch verstehen, dass
ihm die ganze Situation vielleicht etwas unangenehm war.
März 2004
Im März ging dann endlich das Studium wieder los und ich sah ihn
und die ganzen anderen netten Kommilitonen wieder. Außerdem
wollten Nico und ich nun unsere Gruppe ("Rosa Panther -
Stammtisch für schwule und bisexuelle Osnabrücker") gründen.
Ich hängte Plakete an den schwarzen Brettern in Uni und FH aus
und schrieb auch anonym in unser Studentenforum im Internet.
Da aber die Domain rosa-panther.de auf meinen Namen registriert
war, musste ich damit rechnen, dass jemand rauskriegt, dass
ich dahinter stecke und mich darauf anspricht. Eigentlich fand
ich das aber sogar ganz lustig und hoffte dann schon, dass
es jemand rauskriegt. Über die Reaktionen war ich sowieso gespannt.
Eines Morgens vor der Physikvorlesung dann sprach mich ein Kommilitone
auf das Posting im Forum an. Ob ich das unter anderer Identität
gewesen sei? Ich sagte dann so ungefähr "ja, wie haste das rausgekriegt?"
Er grinste und meinte, ob ich das nicht mal löschen wolle, oder
ein Forum "Kontaktanzeigen" aufmachen wollte. Ich musste dann kurz
mit einem anderen sprechen, der nach mir rief, und ging dann zu
ihm zurück. Fragte noch einmal wie er das rausgekriegt hätte, ob
er gesehen hätte, dass die Domain auf meinen Namen angemeldet sei.
Da schaute er mich erst verständnislos an und meinte dann
"was, Du warst das WIRKLICH?"
Die Vorlesung begann dann. Wie ich später erfuhr, war er dann bzw.
danach erstmal zu ein paar anderen gegangen und hatte gesagt
"oh je, ich bin da gerade in ein Fettnäpchen getreten" und die
Geschichte brühwarm erzählt. Naja, was besseres konnte mir eigentlich
kaum passieren: so hatte ich mich eher unabsichtlich geoutet und
konnte darauf spekulieren, dass sich das schon von selbst rumsprechen
würde, ohne dass ich es sonst noch groß jemandem sagen müsste.
Beim Mittagessen in der Mensa am selben Tag sprach mich dann noch
jemand auf das Schwulentreffen an, weil er gedacht hätte, ich
würde davon erzählen (war aber nicht der Fall gewesen). Er meinte
dann noch so "ich wüsste ja echt gerne, wer das ist". Als ich
antwortete, ich wüsste wohl, wer das sei, ließ er keine Ruhe bis
ich es ihm sagte: "er geht gerade hinter Dir" (wir gingen gerade
mit unseren Tabletts zum Ausgang). Er drehte sich um, guckte mich
erschreckt an, zuckte ein wenig zurück. Auf mein "ich tu Dir schon
nichts" meinte er "da hab ich auch keine Angst vor", und damit
war das Thema dann auch erledigt.
Bei den ersten Rosa Panther Treffen kam natürlich außer Nico
und mir keiner. Er meinte, man müsse langen Atem haben.
Ich hatte auch an das AStA-Schwulenreferat der Uni Osnabrück
geschrieben, ob sie in der Uni und in einer AStA-Zeitschrift für uns
Werbung machen könnten. Ich konnte mich dann auch mal dazu
aufraffen, zu einem Frühstück zu gehen, das die alle zwei Wochen
veranstalten. Dort habe ich einige nette Leute kennengelernt,
wenn auch keiner von denen Donnerstags Zeit hat, wegen Fußballtraining
und so. Nun kenne ich aber auch Josef von der Aidshilfe Osnabrück,
mit dem ich wegen Werbung / Flyer auslegen auch schon gemailt hatte.
Von Bernd hatte ich mich dazu überreden lassen, die Gay in May
Webseite (http://www.gayinmay.de) zu übernehmen. Früher hatte er
das gemacht, und dann an Dee übergeben, die zwar Designerin ist,
aber vom Internet keine Ahnung hat und damit überfordert war.
Ich habe mich einmal mit Dee getroffen und sie hat mir dann Bilder,
Designvorlagen und Texte zukommen lassen, so dass ich die Webseite
für die diesjährigen Veranstaltungen fertig machen konnte.
31. März 2004
Am 1.4. hat Ulf Geburtstag. Wir hatten uns am Vorabend zum
Doppelkopfspielen getroffen, dabei war außer Olaf noch
Julian, dem wir das glaube ich an dem Abend oder eine
Woche vorher beigebracht hatten. Wir spielten dann bis
nach Mitternacht, um dann noch gratulieren zu können.
Den Abend über kamen wir mehrmals auf etwas schlüpfrige
Themen, ich hielt mich aber noch zurück (wusste nicht, ob
Julian schon was vom Outing gehört hatte). Irgendwann fragte
er dann in der Runde, wer ne Freundin hätte und klagte, dass
er keine habe. Als die Runde an mich kam, sagte ich dann
"nein, keine Freundin, aber muss auch nicht sein, ich hätte
da eher gerne was anderes" oder so ähnlich. Seine Reaktion,
recht unerwartet: "Also doch!". Es stellte sich dann heraus,
dass er natürlich schon von dem "Fettnäpfchen" des Kommilitonen
gehört hatte, aber es von mir aus erster Hand hatte erfahren wollen.
Er hatte wohl auch den ganzen Abend schon Andeutungen gemacht, um mich
aus der Reserve zu locken, was ich aber garnicht so geschnallt
hatte, dass er sowas von mir hören wollte. Wie gesagt, ich
hatte mich ja eher zurückgehalten.
April 2004
Ich ging mit Ulf und ein paar anderen Kommilitonen zu einer
FH-Party. War sehr cool, nun da ich geoutet war, haben wir
die ganze Zeit Späße darüber gemacht, ich habe mich prächtig
amüsiert. Es ist einfach toll, wenn man sich nicht verstecken
muss, sondern offen darüber reden und scherzen kann, und
über entsprechende Scherze/Frotzeleien anderer lachen kann, weil
es Kumpel sind und man weiß, dass sie das nicht ernst meinen und
das keine Beleidung sein soll.
Wiederum bei einem Doppelkopfabend wollte ich mich dann eigentlich
auch mal Stefan gegenüber outen, der immer noch nichts gemerkt hatte.
Er sprach aber auf meine Bemerkungen einfach nicht an. Als er
sagte, dass er gehört habe, ich würde jetzt mit Frauen flirten,
meine ich "mit FRAUEN flirte ich bestimmt nicht", aber pustekuchen,
er schnallte es einfach nicht.
Am nachfolgenden Tag hatte Ulf ihn dann darauf angesprochen, ob ihm
nichts aufgefallen sei, wie ich das gesagt hätte. Da soll er
dann gefragt haben "ist Marc etwa schwul?" und das dann aber
erst garnicht geglaubt haben.
Ich habe mit Ulf vereinbart, Stefan nichts von meiner Liebe zu
Ulf zu erzählen, weil ihm das nicht so recht sei, wenn der das
wüsste.
Im Internet hatte ich mich über Literatur für Eltern von
homosexuellen Kindern informiert, weil meine Mutter sich immer
noch merklich schwertat. Eine Broschüre des hessischen
Sozialministeriums erschien mir ganz geeignet, die habe ich mir
mal schicken lassen, selbst gelesen und dann meiner Mutter
gegeben. Nachher haben wir uns noch ziemlich lange darüber
unterhalten, und seitdem ist es etwas besser geworden. Ich konnte
wohl doch einige Vorurteile und falschen Vorstellungen zerstreuen
und sie beruhigen, dass ich sicher nicht der Typ bin, der mit
dem Erstbesten Sex hat.
Mai 2004
Zu den Rosa Panther Treffen kamen weiterhin außer Nico und mir
keine Besucher. Wenn Nico mal nicht konnte, hatte ich ein
oder zwei Kommilitonen eingeladen, einmal kamen die auch, obwohl
Nico doch konnte, und konnten ihn so kennenlernen. Er war aber
nicht so deren Fall, er ist doch recht tuntig.
Im Mai zog Nico dann aber nach Etteln bei Paderborn um und
verlor zudem seine Arbeitsstelle in Osnabrück. Daher kam er
erstmal nicht mehr zum Stammtisch.
Ein anderer Kommilitone arbeitete in einer Tankstelle und wurde
häufiger von Schwulen angesprochen, weil sie meinten, er flirte mit
ihnen (er ist aber Hetero und das ist einfach so seine Art, recht
extrovertiert und meist gut gelaunt). Eines Tages steckte ihm jemand
seine Nummer zu "wenn Du mal Langeweile hast...".
Er gab sie mir weiter und ich lud diesen einfach mal zum Stammtisch
ein. Wir trafen uns auch einen Abend. Er ist zwar schon älter
(Mitte/Ende 30 oder so), aber wir haben uns ganz nett unterhalten.
Nur hat er so eine Art, dass man sich wie beim Psychiater vorkommt.
Er analysiert einen die ganze Zeit.
Bei einem der Frühstücke im Schwulenreferat lernte ich Paul
aus Wallenhorst kennen. Er studiert an der Uni Osnabrück Physik,
wie ich im zweiten Semester, und ist tierisch schüchtern. Aber
er sah sehr nett aus, ich sprach ihm mal an (von sich aus
sagte er nichts) und gab ihm nachher auch Mailadresse von
Handynummer. Nachmittags schickte er mir gleich eine Mail,
und hatte auch schon im Internet Informationen über mich
herausgesucht, kannte also schon gemeinsame Interessen. Wir
haben abends sehr nett gechattet. Ich lud ihn auch zum Stammtisch
ein, um dort nicht allein zu sein, und er kam. Ich mochte ihn
und hatte das Gefühl, ihm näherzukommen. Dummerweise kam dann
die Tankstellenbekanntschaft meines Kommilitonen auch dazu (ich
hatte ihn ja schließlich eingeladen) und fing wieder mit seiner
Psychoanalyse an und wollte uns anscheinend miteinander verkuppeln.
War schon etwas unangenehm.
Wie der Name schon sagt, fand im Mai natürlich auch "Gay in May"
statt. Über zwei Wochen verteilt gab es einige Veranstaltungen,
von Filmvorführungen über Autorenlesungen und -ehrungen
(Preisverleihung "Rosa Courage") hin zu Spielenachmittagen und
der großen Abschlussgala. Ich hatte mit Bernd und Sven an
einem Doppelkopfturnier teilgenommen, außerdem habe ich den
"Queer Walk - Gang durch die Osnabrücker Szene", organisiert von
der Aidshilfe, mitgemacht. Das war sehr interessant, zum einen habe
ich ein paar Leute kennengelernt und natürlich auch ein paar
Flyer für den Stammtisch verteilt, zum anderen habe ich alle
Szenecafes und Kneipen kennengelernt sowie (wenn auch nicht mehr
so lange) eine schwullesbische Party im Unicum besucht.
Eigentlich wollte Paul mitkommen, aber er wurde dann kurzfristig
krank. Ich habe ihm im Chat gestanden, dass ich wohl auch mehr
für ihn empfinde und Interesse an ihm hätte. Er aber momentan
nicht, er braucht mehr Zeit.
Zur Gala kam er dann aber mit. Da er kein Geld hatte, habe ich
ihm mit 10 EUR (Eintrittspreis 15 EUR) ausgeholfen. Leider war
er recht schnell wieder verschwunden, weil er müde war. Bernd
und Sven waren aber auch da, und einige, die ich vom Frühstück
kannte, ich habe mich also ganz gut amüsiert. Nachts als ich
ging, waren plötzlich ganz viele junge Leute (viele noch jünger
als ich) unten im Foyer der Lagerhalle (ich war vorher eine
Zeit oben im Cafe Spitzboden gewesen). Aber da ich ja Interesse
an Paul hatte und hoffte, dass da was draus würde, habe ich
mich nicht weiter umgesehen.
Bevor ich ging, hatte ich allerdings im Vorbeigehen noch
Tom aus Wallenhorst wiedergetroffen. Er sprach mich sogar
selbst an. Wir haben uns kurz unterhalten, aber er ist schon
ein bisschen komisch, und nach der Nummer im Februar wollte
ich auch nicht mehr soviel mit ihm zutun haben. Er ist einfach
eine feige Sau, der einem nicht ins Gesicht sagen kann, was
er wirklich denkt, sondern was vorheuchelt.
Über Himmelfahrt war Paul bei einem Freund in Köln, der sich von
seinem Partner getrennt hatte. Paul hatte Interesse an einer
Beziehung mit dem Kölner, und hoffte, dass sich da jetzt was
ergeben könnte, wo der sich von seinem anderen Freund getrennt
hatte.
Als er wieder hier war, trafen wir uns einmal bei ihm zu Hause,
ich brachte ihm Doppelkopf bei. Wir vereinbarten für ein paar
Tage später einen Doppelkopfabend bei mir zuhause, mit Kommilitonen.
Da noch jemand absagte, wären nur Paul und Ulf gekommen, meine
Mutter wollte aber auch wohl mitspielen.
Ca. zwei Stunden vor dem vereinbarten Termin schickte er mir dann
eine Mail, dass er krank sei und eher nicht spielen wollte.
Ich erreichte ihn dann auch nicht mehr telefonisch und blies
das ganze ab. Am selben Abend noch sprach mich plötzlich eine
Freundin von Paul über ICQ an und hielt mir vor, ich wäre zu
aufdringlich und sollte ihn mal in Ruhe lassen. Ich verstand
überhaupt nicht, was sie wollte, weil ich Paul nicht anders als
andere Kommilitonen auch behandelt hatte. Er ist irgendwie etwas
komisch, zieht sich manchmal tagelang zurück und fühlt sich dann
bedrängt, wenn man versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen.
Ich habe auf ihr Anraten dann erstmal nichts mehr versucht und
gehofft, dass ich ihn mal beim Frühstück sehe oder er sich von
sich aus meldet. Tat er aber nicht.
Juni 2004
Die Sommersemesterferien rückten näher, und es wuchs die Angst,
wieder so einen Liebeskummer und so eine Einsamkeit wie im
Winter zu erleben, weil ich die Kommilitonen so lange nicht sehe.
Wie vereinbarten zwar, und immer mal zu treffen, Doppelkopf zu
spielen und so, aber dazu kam es dann letztlich doch so gut wie
garnicht, weil immer alle irgendwie anderweitig beschäftigt waren.
Ich war aber über Ulf mittlerweile ganz gut hinweg, so dass ich
immerhin keinen direkten Liebeskummer mehr hatte, nur so eine
Art allgemeiner Sehnsucht nach einem Freund. Paul musste ich mir
ja nun auch wohl aus dem Kopf schlagen.
Eines Tages im Juni passierte etwas tolles: Nach länger brachliegendem
Kontakt meldete sich Jan mal wieder per ICQ, jemand den ich
aus einer ehemaligen Schule hier in der Gegend kannte und der
weiter weg Informatik studierte. Wir hatten in den Jahren vorher
hin und wieder, aber immer seltener, mal kurz gechattet, um uns
gegenseitig zu informieren, was wir gerade so machen.
Wir kamen dann allgemein auf Thema Schüchternheit und die
typischen Informatikerklischees zu sprechen, wobei er dann meinte
"aber Du bist bestimmt schon seit zwei Jahren verheiratet".
Ich antwortete da so erstmal nicht direkt drauf, aber einen oder
zwei Tage später sprach er mich erneut an, ich hätte noch nicht
auf die Frage nach einer Freundin geantwortet. Nun dachte ich doch,
dass es mal na der Zeit wäre, mich zu outen, und mir konnte auch
nichts passieren, da er nicht hier in der Nähe wohnte und wir kaum
Kontakt hatten. Und schon wieder so eine unerwartete Antwort:
"Also doch". Das hatte ich doch schonmal von jemand anders gehört!
Nun, er erklärte mir dann, dass er schon damals 1998 in der Schule
gedacht hätte, ich habe genau den richtigen Grad an Schüchternheit
und so einen verträumten Blick, um nicht 100%ig hetero zu sein.
Er hatte sich nur nie getraut, mich darauf anzusprechen, weil er
Angst hatte, dass ich das von mir weisen könnte. Nun musste ich
natürlich auch erstmal wissen, wie es bei ihm ist: Er meinte, er
könnte sich wohl am ehesten als bisexuell bezeichnen. Er legt
sich da aber ungern auf einen Begriff fest.
In den nächsten Wochen entwickelte sich ein lebhafter Chat zwischen
uns beiden. Ich hatte wirklich das Gefühl, er würde mit mir flirten,
und wir verstanden uns wunderbar. Wir erzählten uns Dinge, die
wir sonst teilweise niemandem oder nur sehr ausgewählten Leuten
erzählt hatten (z.B. eher ungewöhnliche Fetische). Er meinte, ich
sollte ihn doch mal besuchen, wenn ich mal in der Nähe sei. Ich
konnte ihm auch gleich einen Termin zusagen, weil meine Schwester,
ihr Freund und ich Mitte Juli Karten für ein Konzert der Ten Tenors
bei ihm in der Gegend hatten.
Mit Nico habe ich mich im Juni teilweise etwas gezofft. Er kam
nie mehr zum Stammtisch, teilweise hat er erst am selben Tag abgesagt,
obwohl er wusste, dass ich auch keine Zeit hatte. So konnten wir
keine Vertretung mehr besorgen und es war keiner dort...
Dabei hatte Stefan zufällig zwei Schwule kennengelernt, die sich
im Zug anlässlich eines Standes auf dem in Osnabrück stattfindenden
Jugendhilfstag über das Thema Homosexualität unterhielten. Zumindest
einer davon kam aus Osnabrück und wollte mal vorbeikommen. Keine Ahnung
ob er da war, da ja Nico und ich beide nicht konnten.
Nico wollte in Paderborn die Rosa Panther auch gründen, mit
der Aidshilfe Paderborn zusammen. Ich setzte schonmal einen
Hinweis auf die Homepage.
Ende Juni traf ich auf dem Weg zu einer Elektrotechnik-Übungsstunde
an der Uni zufällig auf Paul, der gerade mit dem Rad nach Hause
fahren wollte. Er wusste garnicht genau, was die Freundin mir
geschrieben hatte, er hatte ihr nur wohl einiges über mich und
seine Empfindungen erzählt, und sie hatte das dann selbst in die
Hand genommen. Ziemlich daneben alles. Wir sind so verblieben, dass
er sich meldet, wenn er mal Lust hat, mit mir was zu unternehmen.
Juli 2004
Wegen des Besuchs hatte ich mit meiner Schwester vereinbart,
dann bei ihr zu übernachten, und am nächsten Mittag wollte ich dann
Jan besuchen und abends wieder zurückfahren. Einen Tag später
stand für Jan und mich unabhängig voneinander der Aufbruch zu Treffen
bestimmter Internet-Gruppierungen an, bei ihm war es so eine Art
Mittelaltertreffen oder sowas, bei mir das spaßeshalbe "Jahrestagung
deutschsprachiger Internetadministratoren" genannte nette Treffen von
Jobkollegen aus dem deutschsprachigen Raum. Sonst hätte ich auch bei
Jan übernachten können, aber das ging dann nicht, weil wir beide noch
für den nächsten Tag packen mussten etc.
Dadurch, dass wir quasi soviel geflirtet hatten, hatte ich natürlich
schon diverse Erwartungen an Jan, die dann aber leider etwas
enttäuscht wurden. Er eröffnete mir, dass er Probleme damit habe,
Körperkontakt zu anderen zu haben, obwohl er eigentlich gerne
kuschelt, aber dass er länger bräuchte, um sich da bei neuen
Leuten zu öffnen. Und er hat auch zwei gute Freunde, mit denen
teilweise auch mehr läuft. Zwar keine richtig feste Beziehung, sondern
eher undefiniert, aber an mir hatte er dann halt doch nicht so
das Interesse, das ich mir erhofft hatte. Dabei fand ich ihn
ziemlich süß (ich hatte ihn ja sechs Jahre nicht gesehen, aber er
war dann doch eigentlich genauso wie ich ihn erwartet hatte).
Wir sind dann ein bisschen durch die Stadt gelaufen, er hat mir
Musik vorgespielt, die er mir dann teilweise gebrannt hat, vor
allem aus der amerikanischen Serie "Queer as Folk", auf die er
mich vorher schon aufmerksam gemacht hatte und von der ich mir
schon einige Folgen im Internet heruntergeladen und angesehen
hatte.
Alles in allem ein netter Nachmittag mit ihm, wenn auch meine Hoffnungen
auf körperliche Nähe und vielleicht anfangende Liebe nicht erfüllt
wurden. Okay, eine Fernbeziehung wäre schwierig gewesen, aber
er hatte sich in Osnabrück für eine Doktorandenstelle beworben,
so war also eine gewisse Hoffnung durchaus realistisch.
Ein paar Wochen später bekam er aber eine Ablehnung aus Osnabrück,
und seine weiteren Bewerbungen waren eher in seiner Gegend.
Es folgte nun das Wochenende mit den ganzen Internetbekanntschaften,
die ich aber größtenteils schon von den Treffen in den Vorjahren
kannte. Ich war bei den meisten schon über einen Chat geoutet,
und es kam dann am Samstagabend auch das Gespräch darauf und einer
erzählte mir von einem schwulen Bekannten und dessen Problemen.
Nach dem Wochenende im Chat erfuhr ich dann noch, dass zwei in
meinem Alter (von denen ich den einen schon recht attraktiv finde)
in einem Zweibettzimmer geschlafen hatten und rosa Bettwäsche
gehabt hatten. Das sei schon aufregend, mit einem fremden Mann
in einem Doppelbett mit rosa Bettwäsche zu schlafen. Ich konnte
mir natürlich entsprechende Anmerkungen nicht verkneifen und meinte,
schade dass ich zu spät gekommen sei, ich hätte mir gerne mit ihm
das Bett geteilt. Er hätte da auch garnichts beigehabt, nur ist
er halt hetero... war auf jeden Fall dann ein ganz guter Running
Gag mit der rosa Bettwäsche.
Ende Juli hatte eigentlich das erste Treffen der Rosa Panther in
Paderborn stattfinden sollen. Wie ich dann anhand einer erbosten
Mail von der Aidshilfe Paderborn erfuhr, war Nico dort nicht
erschienen und auch nicht mehr erreichbar. Seine Handynummer und
Mailadresse funktionierten schon ein paar Wochen nicht mehr,
weshalb ich ihm das auch nichtmal weiterleiten konnte.
Ich nahm dann auf Bitten der Aidshilfe Paderborn die Infos über
den Stammtisch in Paderborn von der Webseite, da die unter anderem
Namen was eigenes ohne Nico starten wollten.
Ich habe Ende Juni auch nichts mehr von Nico gehört, aber auch
nicht versucht, ihn irgendwie zu erreichen, weil er mich eh nur
nervte und ewig nicht beim Stammtisch gewesen war.
De facto stand ich also nun alleine mit den Rosa Panthern da.
Paul habe ich hin und wieder im ICQ gesehen, aber er hat sich
nie gemeldet. Da wir ja vereinbart hatten, dass er das wenn dann
tut, habe ich auch nichts geschrieben. Schade eigentlich.
August 2004
Es ist nicht soviel passiert. Ich hatte Semesterferien, habe viel
für die Firma von zuhause aus programmiert, war mal mit einem
Kommilitonen im Freibad, einmal haben wir es tatsächlich geschafft,
eine Doppelkopfrunde zusammenzubekommen, und ich habe immer mal
wieder mit Jan gechattet. Jan hatte angekündigt, im September
hier in der Gegend bei seinen Eltern zu sein und wollte mich dann
auch wohl besuchen kommen. Traf sich gut, dass meine Eltern einen
Tag nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub ihrerseits in Urlaub
fahren wollten. Er hat mir auch mal geschrieben, er hätte wohl
kein Problem, mit mir "Sachen anzustellen" oder so ähnlich, im
Klartext also wohl Sex zu haben. Er warnte mich aber auch, dass das
vielleicht nicht gut für mich wäre, weil ich mich verlieben könnte
und er die Liebe vielleicht (oder wahrscheinlich) nicht erwidert.
Nach ein bisschen Nachdenken und Gesprächen mit anderen über
das Thema allgemein kam ich zu dem Schluss, dass ich Erfahrungen
in der Richtung auf jeden Fall brauchen kann und mich darauf
einlassen sollte, wenn es denn dazu kommt.
Ich hatte dann irgendwann nochmal auf eine Kontaktanzeige geantwortet,
ein 22jähriger Nico aus Hasbergen. Wir haben uns einen Abend
in Osnabrück getroffen, er ist nicht so ganz mein Fall, wird
aber wohl mal zum Stammtisch kommen, das ist schonmal gut. Er
hatte selbst mal halbherzig versucht, eine Gruppe zu gründen,
aber sich nicht besonders bemüht. Beim Rosa Panther Stammtisch
gibt es ansonsten noch keine regelmäßigen Besucher, eigentlich
immer nur auf besondere Einladung von mir, aber dann kommen sie
normal nicht wieder.
In derselben Woche, in der ich Nico getroffen hatte, war bei
Bernd und Sven auch Jarek zu Gast, ein polnischer Lehrer, den sie
vor ein paar Jahren mal kennengelernt hatten, als er auf einer
Schulfahrt hier in der Gegend war. Wir sind einen Tag zusammen ins
Kino gegangen, um uns Bullys Film "(T)Raumschiff Surprise"
anzuschauen und haben hinterher noch im Kinocafe gegessen und uns
unterhalten. Zum nächsten Stammtisch kamen die drei dann auch,
so dass ich endlich mal größere Gesellschaft hatte. Nico
hatte sich auch angekündigt, kam dann aber nicht. Ich habe mich
mit Jarek nett unterhalten, und natürlich auch mit Bernd und Sven.
Einen Tag später waren wir zusammen bei einer schwullesbischen
Party im Unikeller, das war aber nicht so besonders, nur wenige
Besucher und ziemlich in Lesbenhand. Ich habe mich mit Jarek
wunderbar verstanden und wir uns haben einen Großteil des Abends
unterhalten und uns unsere Geschichten erzählt. Hinterher gingen
wir noch weiter ins Bivalent, eine Szenedisko in Osnabrück. Auch
dort war aber nichts los. Gegen 3 Uhr fuhr ich dann nach Hause,
die anderen sind noch etwas dageblieben. Ich hatte bald das
Gefühl, Bernd und Sven wollten Jarek und mich verkuppeln, sie
boten uns sogar deren Gästezimmer an... Aber Jarek hat einen
Freund in Polen, und ich würde ihn ohnehin erst wieder ein Jahr
später sehen. War sicher auch nicht ganz ernstgemeint und unter
Alkoholeinfluss.
Ich habe Jarek dann eine Woche später zu seinem 30. Geburtstag
eine Mail geschrieben, und er hat sich sehr über meine
Glückwünsche gefreut und geschrieben, wie gut es ihm gefiel
mich kennenzulernen und sich mit mir zu unterhalten.
Eine Woche nach dem Stammtisch mit Bernd, Sven und Jarek kamen
zwei Gruppenleiter einer Coming-Out-Gruppe in Osnabrück, und
brachten auch noch einen Freund mit. War ein schöner Abend mit
interessanten Gesprächen. Die haben sich auch in mein Gästebuch
eingetragen und etwas Werbung für die Gruppe gemacht.
Ende des Monats bin ich dann alleine nach Langeoog in den
Urlaub gefahren. Hier beginnt meine tägliche Berichterstattung
(wenn auch für die ersten 10 Tage noch nachträglich aufgeschrieben).